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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE ERBSCHAFTSSTEUER

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große aber die Chirurgie, ließ sich zu spät operieren. Als ich mich unterseiner Obhut nach meinem Ohnmachtsanfall im Reichstag wieder voll-kommen erholt hatte, veranstaltete meine Frau ein kleines Essen in unseremHause, zu dem wir außer Renvers und seiner liebenswürdigen Gattin eineAnzahl Freunde einluden. Ich hielt einen Trinkspruch auf ihn, in dem ichan das Wort von Schopenhauer erinnerte, daß der Advokat den Menschenin seiner ganzen Schlechtigkeit sehe, der Theologe in seiner ganzen Dumm-heit und der Arzt in seiner ganzen Schwäche. Bei aller Bewunderung fürden scharfsinnigen, tiefen Denker und großen Prosaisten Schopenhauer erklärte ich sein Urteil über den Advokaten und über den Geistlichen fürungerecht. Vor allem stellte ich fest, daß der Arzt den Menschen zuweilenauch in seiner ganzen Dankbarkeit vor sich sehe, und das gelte für meinVerhältnis zu Renvers. Ich werde ihn nie vergessen.

Bei der grundsätzlichen Opposition des Zentrums und der starkenAbneigung der Konservativen sowohl gegen die von mir in Preußen beab- Die Haltungsichtigte Wahlreform wie gegen die von mir vorgeschlagene Erbschafts- ^ cs ZentrumsSteuer war der Block nur zusammenzuhalten, wenn die Krone fest hintermir stand. Das Zentrum war ursprünglich und an und für sich der Erbschafts-steuer in keiner Weise abgeneigt gewesen. Als ich 1905 die sogenanntekleine Finanzreform in Angriff nahm, hatte ich in der Rede, die ich am6. Dezember 1905 bei der ersten Etatsberatung hielt*, eingehend und offendie Bedenken ausgeführt, die ich gegen die Erbschaftssteuer empfände.Als ich meine Rede gehalten hatte, machte mir der Führer des Zentrums,Herr Spahn, artige Komplimente über die Klarheit, mit der ich diesenschwierigen Gegenstand behandelt hätte. Ich hätte es verstanden, sogardiesem spröden Stoff Geist abzugewinnen. Er verstünde nur nicht, weshalbich gegen die Erbschaftssteuer Bedenken hätte. Ich entgegnete ihm, daßich einige Tage vorher eine Eingabe der rheinisch-westfälischen Maltesererhalten hätte, die vom Standpunkt der Familie gerade gegen diese Steuerprotestierten. Ich hörte, daß auch die Bischöfe von Bedenken gegen dieErbschaftssteuer erfüllt wären. Nicht ohne Humor erwiderte mir HerrSpahn:Ja, wenn Sie die Finanzreform und Steuervorschläge aus demGesichtswinkel der Maltesergenossenschaft oder auch der hochwürdigenHerren Bischöfe machen wollen, dann werden Sie nicht weit kommen."Nach Tische las man's anders. Gerade die von mir aus wohlerwogenen,sachlichen Gründen vorgeschlagene Erbschaftssteuer erschien dem Zentrumals der geeignete Boden, die Konservativen zu sich herüberzulocken undgemeinsam mit ihnen mich zu Fall zu bringen. Um einerseits die Reichs-finanzreform in einer dem wahren Interesse des Reichs wie der Krone ent-

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 237; Reclam-Ausgabe IV, 12.