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DEN STIER BEI DEN HÖRNERN FASSEN
Vertrauens-frage
sprechenden Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, durchzubringen, anderer-seits auch um ein Flottenabkommen mit England vor meinem Rücktrittund für alle Eventualitäten der Zukunft unter Dach und Fach zu bringen,mußte mein persönliches Verhältnis zum Kaiser geklärt werden.
Ich beschloß, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Nachdem ich amBülow stellt an 11. März 1909 dem Kaiser über die auswärtige Lage Vortrag gehalten hatte,JenKaiserdie tat ich, mir noch einen Augenblick in persönlicher Angelegenheit Gehörzu schenken. Ich hätte die Empfindung, daß er, der unmittelbar nach denNovemberereignissen von der Richtigkeit und namentlich von der abso-luten Loyalität meiner Haltung überzeugt gewesen wäre, mir seitdem nichtmehr in dem früheren Maße sein Vertrauen entgegenbrächte. Ob und vonwelcher Seite ich verleumdet worden sei, wolle ich nicht erörtern. Ich könnemein schweres Amt nur weiterführen, wenn ich das volle Vertrauen meineskaiserÜchen Herrn besäße. Ich möge in dieser oder jener Einzelheit geirrthaben. Niemand sei unfehlbar. Ich hätte aber niemals etwas anderesgewollt, als einen dauernden Zwiespalt zwischen dem Träger der Kaiser-krone und dem deutschen Volke verhindern. Mein ganzes Streben seidarauf gerichtet gewesen, dem Kaiser das Vertrauen der Bundesfürsten zuerhalten, die Fürsten und die erregten Gemüter gerade der Gutgesinnten inDeutschland zu beruhigen, Seiner Majestät die Liebe seines Volkeszu wahren. Ich hätte immer das Ziel vor Augen gehabt, das Schiffso zu führen, daß, wenn der Sturm vorüber, der Kaiser bei dendeutschen Fürsten wie bei dem deutschen Volke an Vertrauen und Liebenicht verloren, sondern gewonnen hätte. Wenn aber das Vertrauen SeinerMajestät zu mir irgendwie gelitten habe, so möge der Kaiser mich inGnaden entlassen. Er könne das ruhig tun. Ich würde weder frondieren,noch ihm sonst Unannehmlichkeiten bereiten, sondern mit dem aufrichtigenWunsche scheiden, daß ihm eine lange, ruhmreiche und glückliche Regierungbeschieden sein möge.
Seine Majestät dankte mir für meine Offenheit. Es sei ihm heb, auchseinerseits seinem Herzen Luft machen zu können. Er habe allerdings denEindruck gehabt, ich hätte gegenüber den Angriffen, denen er ausgesetztgewesen sei, nicht genügend darauf hingewiesen, daß alle gegen ihnerhobenen Vorwürfe völlig unbegründet gewesen wären. In dem Gespräch,das sich jetzt entwickelte, sagte ich Seiner Majestät in Ehrfurcht, aberoffen, daß seine während seines Besuchs in England verschiedenen Personengegenüber gemachten Eröffnungen, die in dem Artikel des „Daily Tele-graph " von dem Oberst Stuart Wortley zusammengefaßt worden seien,geeignet gewesen wären, im Inland die Gemüter zu erregen und uns gegen-über dem Ausland ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Seine Majestäterwiderte: er habe mir seinerzeit aus England alles geschrieben oder