DIE AUSSPRACHE MIT S. M.
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telegraphiert, was in dem Artikel des „Daily Telegraph " stände. Als ichdas auf das entschiedenste bestreiten mußte, meinte der Kaiser, er habe esmir entweder vorher angekündigt oder nachträglich erzählt. Als ich auchdas wahrheitsgemäß nicht zugeben konnte, brachte Seine Majestät die Redeauf die allgemeine Ungerechtigkeit, die in seiner Beurteilung so oft hervor-trete. Ich wies an einer Reihe von Vorgängen der letzten Jahre nach, daßnicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Bundesregierungendurch manche Antezedenzien (Swinemünder Depesche, Fall Lippe, ver-schiedene Reden usw.) beunruhigt worden seien. Darauf hätte ich ibn schonfrüher mehr als einmal hingewiesen und ihn um mehr Vorsicht und Zurück-haltung gebeten. Die in Deutschland nach und nach entstandene Verstim-mung habe sich während der Novembertage zu einem glücklicherweise nurkurzen Gewitter verdichtet, bei dem gewiß Übertreibungen und Ungerech-tigkeiten mit untergelaufen wären. Seine Majestät erinnerte sich dieser Vor-gänge, insbesondere der Swinemünder Depesche, deren Existenz er anfäng-lich bestritt, nicht im einzelnen und fand, daß sie jedenfalls sehr auf-gebauscht worden wären. Als ich nochmals bat, mich gehen zu lassen,sofern Seine Majestät irgendwie Grund zu Unzufriedenheit oder zu Tadelzu haben glaube, erklärte mir der Kaiser, daß davon nicht die Rede seinkönne. Nicht nur hätte ich ihm während langer Jahre in so vielen schwerenLagen ausgezeichnete Dienste geleistet, sondern auch gerade in diesemWinter „in meisterhafter Weise" die auswärtige Politik geleitet. Er wisseauch, daß meine Absichten immer die besten und reinsten gewesen seien. Erlasse sich nicht an mir irremachen. Die Unterredung schloß, indem ichSeiner Majestät meinen herzlichen Dank für das gnädige Vertrauen aus-sprach und Seine Majestät mich seines vollsten Vertrauens versicherte.
Ich gebe im Vorstehenden wörtlich die Aufzeichnung wieder, die ichnoch am gleichen Tage zu den Akten nahm. Die ganze Unterhaltung wurde Diktat Bülowsvon Seiner Majestät in freundlichster Form, von mir mit der denkbar ü6cr diegrößten Ruhe geführt. Die Anerkennung, die der Kaiser die Güte hatte Unterre,iun Smir bei diesem Vortrag zu spenden, habe ich in meinem Diktat eher abge-schwächt. Ich erinnere mich, daß der Kaiser wiederholt äußerte, ich sei„ein Meister der auswärtigen Politik", und er wisse gar nicht, was ohne michaus der auswärtigen Politik werden solle. Die Unterredung fand ambulandoim Weißen Saal des Berliner Schlosses statt. Als der Vortrag zu Endewar, unterhielt sich der Kaiser noch einige Zeit in liebenswürdiger Weisemit mir über die Verschönerungen, die er im Weißen Saal, der histo-rischen Stätte so vieler bedeutsamer Ereignisse der preußischen Ge-schichte, vorgenommen habe. „Auch das ist Ihr Verdienst", meinte er,„da Sie uns den Frieden erhalten haben, der es mir ermöglicht, die Künstezu pflegen."