WIR BLEIBEN ZUSAMMEN!"
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verlieren würden. Und endlich haben Eure Majestät sich in Highcliffegerühmt, der wahre Sieger über die Buren zu sein, denn der Plan, mit demLord Roberts die Buren besiegt hätte, wäre von Ihnen ausgearbeitet worden.Ich halte es für ausgeschlossen, daß irgendein Mensch in Deutschland oderin England mir zugetraut haben würde, ich hätte Eurer Majestät dazugeraten, so etwas zu behaupten." Der Kaiser: „Das heißt so viel, als daßSie mich für ein Rindvieh halten, dem man Dummheiten zutraut, die manIhnen nicht zutrauen würde." Ich: „Das sei ferne! Ich muß mal wiederzitieren: Non omnia possumus omnes, sagt der Lateiner, und Schillerkonstatiert, daß die Lebensgüter ungleich verteilt sind. Die menschlichenGaben sind auch ungleich verteilt. Eure Majestät sind mir auf vielen, aufsehr vielen Gebieten sehr überlegen, nicht nur, wie das selbstverständlichist, auf militärischem und noch viel mehr auf marinetechnischem Gebiet,sondern in allen Naturwissenschaften. Ich habe oft mit Bewunderungangehört, wie Sie das Barometer erläuterten oder die drahtlose Telegraphieoder die Röntgenstrahlen. Ich bin in allen Zweigen der Naturkunde voneiner mich beschämenden Unwissenheit. Ich habe keine Ahnung von Chemieund Physik, ich bin ganz außerstande, den einfachsten naturwissenschaft-lichen Vorgang zu explizieren. Dafür habe ich einige historische Kenntnisseund besitze vielleicht auch gewisse für die eigentliche Politik, insbesonderefür die Diplomatie nützliche Qualitäten." Der Kaiser stimmte mir lebhaftzu. „Ich habe Ihnen immer gesagt", meinte er, nun wieder in besterStimmung, „daß wir beide uns famos ergänzen. Wir müssen zusammen-bleiben, und wir bleiben zusammen!" Er schüttelte mir mehrmals kräftigdie Hand und fuhr von mir direkt zum Justizminister Dr. Beseler,bei dem er sich zu ein Uhr zum Frühstück angesagt hatte. Es warinzwischen einhalb zwei geworden, denn mein Immediatvortrag hattelange gedauert.
Im Justizministerium angelangt, wo alles gespannt und unruhig auf denhohen Herrn wartete, ging dieser direkt auf den Chef der Reichskanzlei,meinen treuen Mitarbeiter L o e b e 11, zu, dem er die Hand mit den Wortenreichte: „Ich habe mich soeben mit dem Reichskanzler ausgesprochen,alles ist in schönster Ordnung. Wer mir jetzt noch etwas gegen den FürstenBülow sagt, dem fahre ich mit der Faust unter die Nase." Dabei machte derKaiser eine entsprechende Handbewegung. Am nächsten Tage erzählte mirmein alter Kriegskamerad und treuer Freund, der Kabinettsrat Ihrer Ma-jestät, Bodo Knesebeck, er habe am vorhergegangenen Abend an der Tafelder Kaiserlichen Majestäten teilgenommen, zu der außer den kaiserlichenKindern nur er befohlen war. Der Kaiser habe, zu seinen Söhnen und zu ihmgewandt, mit freudigem Ausdruck gesagt: „Mir ist ein Stein vom Herzengefallen. Ihr könnt mir alle gratulieren, zwischen mir und dem Kanzler
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