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DAS MÄRCHEN VON DEM WEINKRAMPF
ist alles im reinen." Die Kaiserin wäre überglücklich gewesen und hätte dasauch ausgesprochen.
Am 12. März erschien im Auftrage Seiner Majestät Graf August Eulen-Neue bürg bei meiner Frau, überreichte ihr auf Allerhöchsten Befehl ein präch-Abirrungen tiges Blumenbukett und frug, ob der Kaiser mit der Kaiserin an demselbenAbend bei uns im kleinen Kreise speisen könne. Meine Frau bat Eulenburg,den Majestäten ihren Dank und ihre Freude zu übermitteln. Allerdings warsie in einiger Verlegenheit, ob sich in so kurzer Zeit ein Diner für dieMajestäten bewerkstelligen lassen würde. Sie Heß unseren langjährigenKüchenchef, Monsieur Cholin, kommen und frug ihn, was da zu machenwäre. Dieser erwiderte mit Würde: „Je ne suis nullement etonne, celaressemble bien ä Sa Majeste. II n'en fait jamais d'autres. Mais je n'entirerai ä mon honneur." Das Essen war nicht nur gut, sondern das ganzeDiner verlief in harmonischer Stimmung. Wilhelm II. begrüßte meine Fraumit den Worten: „Wie glücklich bin ich, wieder hier zu sein! Was war dasfür ein schrecklicher Winter! Nun ist aber alles wieder in schönster Ord-nung." Der Kaiser bbeb von acht bis einhalb ein Uhr. Tags darauf kamGraf August Eulenburg, um im Allerhöchsten Auftrag meiner Frau noch-mals zu sagen, wie glückhch der Kaiser über die volle Aussöhnung wäre.Ich habe Wilhelm II. während meiner langjährigen dienstlichen und per-sönlichen Beziehungen zu ihm selten in einer besseren, freundlicherenStimmung gesehen als während der nun folgenden Wochen. Das erste Wölk-chen, das sich an dem sonst geklärten Horizont zeigte, war die mir aussicherster Quelle zugehende Nachricht, daß der Kaiser am Abend meinerlangen Aussprache mit ihm, am 11. März, an seinen Bruder, den PrinzenHeinrich, telegraphiert habe: „Ich habe Bülow verziehen, nachdem erMich unter Weinkrämpfen um Pardon gebeten hat." Ich sprach über diesevöllig unwahre, doch sehr seltsame Kundgebung mit August Eulenburg, derihr keine größere Bedeutung beimaß. Er meinte, der Kaiser sei in Verlegen-heit gewesen, wie er seinem Bruder seine Versöhnung mit mir erklären solle,nachdem er während der letzten Zeit sich diesem gegenüber über mich sehrunfreundlich und ausfallend geäußert hätte. Da habe er zu dem Märchenvon dem Weinkrampf gegriffen. „Bei der größten Wahrheitsliebe kommtderjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedränge.Er will einen Begriff davon überliefern, und so macht er es schon zu etwas,da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas gehalten werden will",bemerkt Goethe in seiner italienischen Reise, als er sich anschickt, dieVilla Pallagonia in Palermo zu schildern, über deren phantastische Ex-zentrizitäten der normale Mensch von gesundem Menschenverstand denKopf schüttelt.