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DER KRAKEELER HEYDEBRAND
von sich beweisen würden. Das trifft auf das Verhalten der Konservativenmir gegenüber im Winter 1908/1909 zu. Als die von Wilhelm II. in High-cliffe geführten unvorsichtigen Gespräche bekannt wurden, waren dieKonservativen die ersten gewesen, die in dem erwähnten Artikel derparteioffiziösen „Konservativen Korrespondenz" die Alarmglocke läuteten.In der Reichstagsdebatte vom 10. und 11. November hatten sich die kon-servativen Redner weit schärfer als die Vertreter anderer Parteien, schärferals die Sozialisten Heine und Singer über die kaiserlichen Entgleisungenausgesprochen. Wenige Tage später, als die Konservativen, denen es nie-mals an Beziehungen zum Hof fehlte, gehört hatten, daß es nicht ganzsicher sei, ob mir der Kaiser meine Haltung in der Novemberdebatte nichtnachträglich übelnehmen würde, erklärte dieselbe „Konservative Korre-spondenz", ich hätte den Kaiser besser in Schutz nehmen sollen. DasHauptorgan der Konservativen, die „Kreuz-Zeitung ", und die agrarische„Deutsche Tageszeitung" machten zwar gegen diese perfide InsinuationFront, aber es war klar, daß Herr von Heydebrand die Segel umstellte.
Ernst von Heydebrand und der Lasa auf Klein-Tschunkawe in Ober-schlesien , damals 58 Jahre alt, war ein Mann von hoher Begabung, vollgeistiger Interessen, sehr kenntnisreich. Er hatte viel gelesen und nochmehr, was wichtiger ist, über das Gelesene nachgedacht. In allen Staats-wissenschaften, im Staatsrecht und Verwaltungsrecht, in Nationalökonomieund Finanzwissenschaft war er wohlbewandert. Er interessierte sich fürGeschichte und sogar für Philosophie. Er war einer der schlagfertigstenRedner, die mir vorgekommen sind. Er sprach oft scharf, aber nie banal undnoch weniger roh, immer als hochgebildeter Mann und in gewählter Form.Er war ein Charakter. Mit seinen Fähigkeiten hätte er im Verwaltungsdiensteine große Zukunft gehabt. Er hatte einige Jahre bei der Regierung inOppeln unter Graf Robert Zedlitz gearbeitet, dem seine Begabung auffiel.Von 1887 bis 1895 war er Landrat von Militsch-Trachenberg, in welcherStellung er sich beständig mit den beiden größten Grundbesitzern seinesKreises, dem Grafen Andreas von Maltzan-Militsch und dem FürstenHermann von Hatzfeldt-Trachenberg , stritt. Er war ein Krakeeler. 1895schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus, um für seine parlamentarischeTätigkeit volle Ellbogenfreiheit zu haben. Ich habe mich oft über ihngeärgert, persönlich unsympathisch ist er mir nie gewesen. Aber die partei-politischen Gesichtspunkte standen für ihn in erster Linie, vielleicht ohnedaß er sich hiervon selbst Rechenschaft ablegte. Er substituierte dieStaatsräson dem Interesse seiner Partei, und wie er davon überzeugt war,daß für Preußen und damit auch für Deutschland das Heil nur von einerausgesprochen konservativen Politik zu erwarten wäre, so hielt er sichselbst für den besten, wenn nicht den einzig richtigen Vertreter und Leiter