„IST ER WENDIG?'
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werden. Nach einigen Tagen hörte ich aus der Umgebung Seiner Majestät, daßHarnack durch seinen baltischen Landsmann und intimen Freund TheodorSchiemann dem Kaiser habe sagen lassen, er würde eine Einladung bei mirnicht angenommen haben, wenn sie nach meiner Novemberrede an ihn er-gangen wäre; er sei aber schon vorher von mir eingeladen worden und babenicht wohl nachträglich absagen können. Diese Entschuldigung war nichteinmal wahr, Harnack war nach der Novemberdebatte von mir zu Tischgebeten worden, aber unmittelbar nach unserem kleinen Symposion bekamer es mit der Angst. Die Ratten verließen das sinkende Schiff.
Inzwischen schleppten sich die Verhandlungen in der Finanz-kommission des Reichstags langsam und mühsam fort, wie in der alten Schwicrig-guten Zeit zwischen Oranienburg und Berlin im märkischen Sande die leiten in derPostkutsche, mit der ich als Primaner aus den im Elternhaus in Neu- J?lnanz 'Strelitz verlebten Ferien auf das Pädagogium zu Halle, das alte gute „Päd-chen", zurückkehrte. Sydow besaß nicht die Gabe, auszugleichen, überSchwierigkeiten wegzuleiten, das zu ersinnen und durchzuführen, was dieItaliener „una combinazione" nennen. Bismarck pflegte, wenn man ihmjemand zu einer leitenden Stellung vorschlug, zu fragen: „Ist er wendig ?"Sydow war gar nicht wendig. Bismarck pflegte auch zu sagen, in gewissenSituationen müsse ein Minister „fleche de tout bois" machen. Als er dieseMaxime einmal während der Konfliktszeit gegenüber dem damaligen Kron-prinzen zum Ausdruck brachte, war dieser in seiner durch und durch gewis-senhaften, edlen und ganz und gar ethischen Art darüber entsetzt. Aber fürdie Verhandlungen der Finanzkommission war das Bismarcksche Wort zu-treffend. Sydow war weder wendig noch „un homme ä expedients". Dazukam, daß er, ohne in bösem Sinne zu kleben, doch gern, sehr gern „eingroßes Tier" bleiben wollte, wie man das in Berlin nannte. Das ist ihm auchgelungen. Als Sydow als Staatssekretär des Reichsschatzamts in der Frageder Erbschaftssteuer umgefallen war, schlug ihn nach meinem Rücktrittder Sydow seelenverwandte Bethmann Hollweg zum Handelsminister vor,als welcher er den zum Staatssekretär des Innern avancierten ClemensDelbrück ersetzte. Wilhelm II. war Sydow wohlgesinnt, besonders seitdemihm Bethmann Hollweg gesagt hatte, daß Sydow geäußert habe: „Ich reichemeinen Abschied überhaupt nicht ein, ich warte, bis Seine Majestät ihn mirgibt." Sydow überdauerte als Minister alle seine Kollegen und hat, wenn ichmich nicht irre, als letzter preußischer Minister den Schwarzen Adlerordenerhalten, im Herbst 1918, kurz vor der Flucht Wilhelms II. nach Holland .
Die Schwierigkeiten in der die innere Pobtik beherrschenden Frage derReichsfinanzreform kamen vor allem von den Konservativen. Bismarck Opposition derhat einmal gemeint, Parteipobtiker scheuten in der Politik nicht vor Hand- Konservativenlungen zurück, die sie als Privatleute im Privatleben als unanständig weit