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ABENDESSEN MIT PROFESSOREN
Träger der Krone. Er hat dafür zu sorgen, daß die Verfassung nicht nur demBuchstaben nach, sondern auch dem Geiste nach aufrechterhalten bleibt.Der preußische Ministerpräsident hat vor allen Dingen dafür zu sorgen, daßdie historische Stellung der Krone, die eine ruhmvolle Vergangenheit unsüberliefert hat und die die Grundlage unserer Wohlfahrt und Macht,unserer Einheit und unserer Zukunft ist, nicht auf das Spiel gesetzt wirdund daß sie nicht abgenutzt wird." Nachdem ich daran erinnert hatte, daßPreußen groß geworden sei durch seine Herrscher, hob ich die edlen Ab-sichten, den Idealismus, die Verdienste des jetzt regierenden Königs undKaisers um die Schlagfertigkeit des Heeres, um die Schaffung der Flotte,um Handel und Industrie, um Technik und Wissenschaft hervor und schloßmit den Worten: „In dem Verständnis zwischen König und Volk, in demVertrauen zwischen König und Volk, in dem Ernst, mit dem von beidenSeiten dieses Verhältnis aufgefaßt wird, darin, daß der Fürst sich fühlt alserster Diener des Landes und daß das Land weiß, daß die Interessen desLandes, und nur die Interessen des Landes, auch die Interessen des Fürsten und seine Richtschnur sind, darin lag in der Vergangenheit unsere Kraft,darauf beruht auch unsere Zukunft." Als ich einige Tage später meinemverehrten Freund Gustav Schmoll er begegnete, bezeichnete er mir gegen-über diese meine Ausführungen als „das Testament eines wahren Mon-archisten", das ihn tief ergriffen habe.
Der eine fragt: was kommt danach?Der andre: was ist recht?Und dadurch unterscheidet sichDer Freie von dem Knecht.
Bald nach der Novemberkrise hatte ich Gustav Schmoller und Adolfvon Harnack zu einem Abendessen bei mir eingeladen. Schmoller sprachmir mit dem Freimut eines aufrechten Mannes seine Zustimmung zu meinerSprache und Haltung in der Novemberdebatte aus. Ich hätte gegenüberdem Land und auch gegenüber dem Kaiser meine Pflicht als preußischerMinisterpräsident und deutscher Reichskanzler getan. Er erinnerte daran,daß, von dem Fürsten Bismarck zu schweigen, auch andere preußischeMinister sich genötigt gesehen hätten, ihrem Könige entgegenzutreten: soGraf Brandenburg und Freiherr von Manteuffel mehr als einmal dem KönigFriedrich Wilhelm IV., der große Freiherr vom Stein und Wilhelm vonHumboldt gegenüber Friedrich Wilhelm HL, Graf Robert Zedlitz undKultusminister von Goßler, der Kriegsminister Bronsart von Schellendorffgegenüber Wilhelm II. Harnack schwieg verlegen, obschon er sich als Theologean manche Stelle aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament hätte erinnernkönnen, in der Wahrheit und Freimut dem Christen zur Pflicht gemacht