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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS UHLAND-BILD IM STERBEZIMMER BISMARCKS

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meiner Rede vom 30. November 1907* hatte ich die von mir in meinerinneren Politik erstrebten Ziele und gleichzeitig Kern und Wesen der Block-politik in die Worte zusammengefaßt:Gegenüber dem Spott, der vielfachan dem Worte von der konservativ-liberalen Paarung geübt worden ist,möchte ich Ihnen ein Erlebnis erzählen, das zu den tiefsten und dauerndstenEindrücken meines Lebens gehört. Als ich im Sterbezimmer des FürstenBismarck stand, diesem einfachen und schmucklosen Zimmer im Sachsen-walde, fiel mein Bück auf ein Büd, das an der Wand hing. Es war ein Holz-schnitt, es war das Bild von Ludwig Uhland . Der Sänger des guten altenRechts, der Mann, der in der Frankfurter Paulskirche gesagt batte: es wirdkein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichenTropfen demokratischen Öls gesalbt ist, schaute hinüber nach dem Lager,wo der große Mann der Tat verschieden war, der dem deutschen Volkeden Traum der Jahrhunderte erfüllt hatte. Die ganze deutsche Geschichtesprach aus diesem Gegenüber, und nur die Verbindung von altpreußisch-konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem liberalemGeiste kann die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten." Am26. März 1908** hatte ich gegenüber Bebel, der gemeint hatte, es würdekein Unglück sein, wenn der preußische Staat verschwände, betont:DasReich kann Preußen nicht missen, aber Preußen kann auch das Reichnicht entbehren. Das ist das segensreiche, das glorreiche Ergebnis derpreußischen und deutschen Geschichte seit 250 Jahren; das ist die Fruchtder Arbeit und der Genialität des Großen Kurfürsten und des großenKönigs und der Männer von 1813. Das ist vor allem das Ergebnis der Bis-marckschen Politik. In dieser Einheit ruht die Zukunft der Nation, dieseEinheit ist unser höchstes Gut, diese Einheit das betone ich nicht nurvor dem Inlande, sondern auch vor dem Auslande diese Einheit wirdweder durch auswärtige Angriffe noch durch innere Krisen je wieder zer-stört werden können." Den gleichen Zweck hatte die Rede verfolgt, mit derich am 19. Januar 1909 mich in der Etatsdebatte des Abgeordnetenhausesüber Stellung und Bedeutung der Krone ausgesprochen hatte***. Ich hättemich, führte ich aus, seitdem ich die Verantwortung trüge für den Gang derStaatsgeschäfte, niemals der Verpflichtung entzogen, den Träger der Kronezu decken.Ich habe aber auch die Pflicht", fuhr ich fort,dafür zu sorgen,daß zwischen dem Träger der Krone und den Wünschen und Empfindungendes Landes nicht ein Zwiespalt entsteht, der für beide Teile verhängnisvollsein müßte. Der verantwortliche Minister hat dafür zu sorgen, daß derTräger der Krone nicht irre wird an dem Land und das Land nicht an dem

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 93f., Reclam-Ausgabe V, 43f.** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 132f., Reclam-Ausgabe V, 65.*** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 174ff., Reclam-Ausgabe V, 189ff.