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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOWS AUSEINANDERSETZUNG MIT IHNEN

und zweckmäßige Besitzsteuer, die den erforderlichen Ertrag bringe. Dievon den Konservativen vorgeschlagene Wertzuwachssteuer sei durchauserwägenswert. Schon seit langer Zeit werde dieser Gedanke erwogen, abersehr viele Bedenken, die jetzt auf Wunsch der Konservativen sachlichgeprüft werden sollten, ständen seiner Durchführung entgegen. Er sei über-zeugt, daß die Bedenken überwiegen, vor allem, daß diese Steuer nicht an-nähernd den vom Beichstag berechneten Betrag ergeben, sich vielmehrhöchstens auf fünfundzwanzig Millionen stellen werde. Es stehe jetzt schonfest, daß die Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere einfach undurchführbar6ei. Diese Steuer könne also nicht als voller Ersatz der Erbschaftssteuergelten. Eine weitere Erhöhung der Matrikularbeiträge sei ausgeschlossen.Veredelte Matrikularbeiträge seien eine Beichseinkommen- oder Vermögens-steuer, die rohen für die kleinen und mittleren Staaten unerträglich. DerKanzler müsse also die Finanzreform als gescheitert ansehen, wenn dieErbschaftssteuer falle. Er könne keine Beform machen allein mit Kon-servativen, Wirtschaftlicher Vereinigung, Zentrum und Polen . Er würdeseiner ganzen Politik ins Gesicht schlagen, wenn er jetzt die Situation durchdie Polen retten ließe. Die Nationalliberalen müßten dabei sein, sie würdensich aber einer solchen Mehrheit nicht anschließen. Er, der Kanzler, wolleaber auch die Beform nicht gegen die Konservativen machen. Wenn diesebei ihrem Widerstand blieben, sähe er sich außerstande, die Geschäfte desLandes zu führen. Auf die Konservativen gehe dann die Verantwortungüber. Da er den Kaiser bei seinem Abgange auch wegen der weiteren Politikund der Männer, die sie eventuell durchführen sollen, beraten müsse, sofrage er die Herren: Erstens, welches Programm sie nach dem Scheiterndieser Beform zur Sanierung der Finanzen aufstellen wollten? Zweitens,mit welchen Parteien sie das Programm durchführen wollten? Unddrittens, welche Männer sie sich an der Spitze der Begierung dächten, umihre Ziele zu erreichen? Die heutige Besprechung solle nicht dartun, daßder Kanzler zum parlamentarischen Begime übergehe und sich einer poli-tischen Partei, sei es auch die konservative, unterwerfe. Er habe es aber alsseine Pflicht betrachtet, die Herren vollständig aufzuklären, weil er bisherwährend der ganzen Zeit seiner Kanzlerschaft mit der konservativen Parteikonservativ-agrarisch regiert habe. Alles Gerede von der antikonservativenBegierung sei Blödsinn oder Verleumdung. Jeder verständige Mensch wisse,daß in der Verwaltung und in der Politik von ihm, dem Kanzler, konser-vative Grundsätze zur Geltung gebracht seien. Die Begierung werde inkonservativem Geist und landwirtschaftsfreundlich geführt und so, wiejeder der Herren, wenn er Minister wäre, sie führen müßte, wenn er inder Politik vorwärtskommen wolle. Auch Herr von Heydebrand würdean Stelle des Kanzlers nicht lediglich Grundsätze seines konservativen