UNTER VIER AUGEN
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Programms durchführen können. Er, Fürst Bülow , habe es als seine Pflichtangesehen, zwischen Krone und Konservativen wieder normale Beziehun-gen herzustellen. Er wolle keine Reform gegen die Konservativen, macheaber auch keine mit Zentrum und Polen . Wenn die Reform scheitere, sohätten die Konservativen die Verantwortung und müßten ihr Programmzur Geltung bringen. Es werde jetzt vielfach Auf lösungvorgeschlagen. Erkönne dem Kaiser die Auflösung nicht mit gutem Gewissen vorschlagen,weil sie zur Dezimierung der Konservativen und zur Wiedererstarkung derSozialdemokraten führen würde, die durch seine, des Kanzlers Politik inihrem bisherigen Siegeslauf aufgehalten, geschwächt, diskreditiert und beiden letzten Wahlen halbiert worden wären. Das würde seiner ganzen bis-herigen Politik widersprechen. Er werde dem Kaiser nur Ratschlägeerteilen, die sich mit seinen Grundsätzen vereinten. Und nun bitte er umBeantwortung seiner vorhin gestellten Fragen. Die drei Herren erwidertenad eins: sie hofften für die von ihnen perhorreszierte Erbschaftssteuer einegeeignete Ersatzsteuer auf den Besitz zu finden, die vorzugsweise die Börsetreffen müsse; ad zwei: sie hielten die Reform nicht ohne das Zentrum fürdurchführbar; ad drei: darüber erlaubten sie sich kein Urteil."
Bedeutsamer war eine Unterredung, die ich einige Tage später unter vierAugen mit Herrn von Heydebrand hatte. Er setzte mir auch hier ausein- Mit
ander, daß er weder für die Erbschaftssteuer noch für irgendeine Vcrände- Heydebrand
allein
rung des preußischen Wahlrechts zu haben wäre. Er müsse sichnach den Wünschen und Überzeugungen seiner Parteigenossen richten, unddie wollten weder von einer Reform des preußischen Wahlrechts noch vonNachlaß- oder Erbschaftssteuer etwas wissen. Ich sagte ihm, daß sein Stand-punkt mich an eine Äußerung des Pariser Polizeipräfekten Caussidicreerinnere. Der sei im Jahre 1848, gefolgt von einer Anzahl unruhiger Ele-mente, über die Boulevards gezogen. Von einem Freunde gefragt, wie ereine solche Demonstration mit solchen Elementen unternehmen könne,hätte er geantwortet: „Je suis leur chef, il faut que je les suive." Ich fuhrdann fort: „Sie glauben unsere innerpolitischen Verhältnisse besser zukennen als ich. Ich will das gar nicht bestreiten. Mein langer Aufenthaltim Ausland macht, daß ich nicht in allen Schlupfwinkeln und Irrgängenunserer Parteipolitik so Bescheid weiß wie Sie. Aber glauben Sie mir, ichsehe weiter als Sie. Sie wollen die Verbindung zwischen den Konservativenund den Nationalliberalen lösen, unbekümmert darum, daß Bismarck aufdas Zusammengehen gerade dieser Parteien immer den größten Wert gelegthat. Sie glauben besser zu fahren, wenn Sie sich dem Zentrum an den Halswerfen. Ich habe an und für sich gar nichts gegen das Zentrum. Im Gegen-teil! Ich denke an das Zentrum zurück wie an eine alte Geliebte, von derman sich nur ungern trennte und für die man noch immer etwas übrighat.