EIN TOTENGRÄBER DES ALTEN PREUSSEN
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Krone. Als Preuße, als Royalist und als deutscher Kanzler löse ich nichtauf. Aber als Mann, der mit seiner Überzeugung steht und fällt, bleibe ichnicht, wenn Sie jetzt den Block sprengen, statt sein natürliches Ende abzu-warten, wenn Sie mir eine verständige Reichsfinanzreform verhunzen, wennSie alle Errungenschaften der letzten Wahlen leichtfertig aufs Spiel setzen."Herr von Heydebrand verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß er mirmeine zum Teil scharfen Wendungen nicht übernehme, teils weil er dieverbitterte Stimmung eines mit Arbeit überhäuften und von manchenSorgen gequälten Staatsmanns begreife, teils auch weil meine royalistischeund preußische Grundgesinnung für ihn über jeden Zweifel erhaben sei.Aber auch er könne seine Uberzeugung nicht opfern.
Im Gegensatz zu Wilhelm von Kardorff-Wabnitz , zu Graf Limburg-Stirum, zu Graf Kanitz-Podangen, zu Graf Udo Stolberg, zu Graf Mirbach-Sorquitten kam Heydebrand nicht aus der Bismarckschen Schule. Erwurzelte mit seinen Anschauungen in den Gedankengängen von JuliusStahl, von Karl von Bodelschwingh, von Graf Leopold Lippe, von Ludwigvon Gerlach . Er würde, wenn er zwanzig Jahre früher auf die Welt gekom-men wäre, während der Konfliktszeit mit Begeisterung den Ministerpräsiden-ten von Bismarck-Schönhausen unterstützt haben, er wäre als guter Preußeauch mit ihm Sadowa entgegengezogen. Aber in den siebziger Jahren wäreer in die Opposition gegangen, und er hätte zu den Deklaranten der „Kreuz-Zeitung " gehört. Mit ungewöhnlichen Gaben und lauterer Gesinnung istHeydebrand schließlich durch Kurzsichtigkeit, Einseitigkeit und blindenEigensinn zu einem Totengräber des alten Preußen geworden. In der Frageder Erbschaftssteuer stand Herr von Heydebrand mehr unter dem Druckdes Bundes der Landwirte, als daß er aus innerem Antrieb einen intransi-genten Standpunkt eingenommen hätte. Der Bund der Landwirte wider-setzte sich der Nachlaß- und Erbschaftssteuer aus agitatorischen Gründen.Ich hatte im Laufe der Jahre die vernünftigen und berechtigten Wünscheder deutschen Landwirtschaft erfüllt. Um eine so sehr auf Agitation ge-stellte Organisation wie den Bund der Landwirte bei der Stange zu halten,mußte seinen Anhängern immer weder ein Streitobjekt und Kampfzielvorgehalten werden. Der Schlachtruf: Keine Erbschaftssteuer, keine Nach-laßsteuer! erschien als der beste Cry für eventuelle Wahlen. Der Wider-stand des Herrn von Heydebrand gegen jede Reform des preußischenWahlrechts aber kam aus der Tiefe seiner Seele, beruhte auf seinen inner-lichsten Wünschen, Leidenschaften und Überzeugungen. Er wollte ä toutprix seine dominierende Stellung im Hause der Abgeordneten behaupten.Das war nur möglich, wenn die Konservativen dort über die absoluteMehrheit verfügten, und das wiederum hing davon ab, daß das bestehendeWahlrecht in keiner Weise modifiziert wurde.