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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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STROH UNTER DEN AST

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hat? Der erfreut ist von dem parlamentarischen Ton, der seit der Ein-führung des gleichen, allgemeinen Wahlrechts in der Berliner Stadt-verordnetenversammlung herrscht? Während ich diese Zeilen diktiere,hegt mir eine Zeitung vor, in der über einen kürzlich vorgekommenen Zwi-schenfall in einer Sitzung des Berliner Stadtparlaments das Nachstehendeherichtet wird: Der sozialdemokratische Stadtverordnete Ullrich stürztesich im Laufe der Debatte über die Zirkus-Busch-Krawalle plötzlich aufseinen rechts gerichteten Kollegen Luedtke, hieb auf ihn ein, stieß ihn inden Rücken und rief dem Zubodengeworfenen zu:Sie Lump, Ihnen zer-reiße ich in Stücke." Der Mißhandelte erhob Klage vor der Schöffenabtei-lung Berlin-Mitte. Der Amtsanwalt vertrat die Anklage mit großer Milde.Er gestand dem sozialdemokratischen Rohlingeine gewisse Erregung"zu, fand aber doch, daß derartige Szenen die deutschen Parlamente imIn- und Auslande etwas in Mißkredit brächten. Offenbar erinnerte er sichan das Wort des Reichskanzlers Josef Wirth , daß der Feind immer rechtsstehe. Er beantragte schließlich nur sechs Wochen Gefängnis. Das Gerichtverurteilte zu einer höheren Geldstrafe oder entsprechender Gefängnis-strafe. Meines Erachtens hätte der Genosse Ullrich vor allem veranlaßtwerden sollen, noch einige Zeit die Elementarschule zu besuchen, um zulernen, daß, wenn ein waschechter Sozialist allenfalls einen Kollegen anLeib und Leben bedrohen kann, er ihm doch nicht zurufen darf:Ihnenzerreiße ich in Stücke", sondern sagen muß:Sie zerreiße ich in Stücke."

In der Frage des preußischen Wahlrechts war es meine Absicht, diewünschenswerte und notwendige Reform in einer Weise durchzuführen,die der Alleinherrschaft und Präpotenz der Konservativen ein Ende setzte,ohne ihnen deshalb die Möglichkeit zu nehmen, sei es mit dem Zentrum, seies mit den Liberalen, eine Mehrheit zu bilden. Um dahin zu gelangen, gabes damals mehr als einen gangbaren und verständigen Weg. Gerade dieLiberalen wünschten im letzten Jahr meiner AmtsführuDg eine besonneneund möglichst maßvolle Wahlreform. Der Führer der Nationalliberalen,Professor Robert Friedberg , ein Jahrzehnt später Vizepräsident des Preu-ßischen Staatsministeriums unter Hertling, erklärte mir:Wir National-liberalen können bei jeder Wahlreform nur verlieren. Wenn wir einer sol-chen zustimmen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Legen Siewenigstens ordentbch Stroh unter, damit wir uns nicht den Hals brechen."Einer der klügsten und einflußreichsten Freisinnigen, Reinhart Schmidt-Elberfeld, 1895 erster, 1898 bis 1900 zweiter Vizepräsident des Reichstags,sagte mir, die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen werdezweifellos die Einführung dieses Wahlrechts auch in den Kommunennach sich ziehen, also Stellung und Einfluß der bürgerlichen Demo-kratie gerade da bedrohen, wo die starken Wurzeln ihrer Kraft lägen.