IMMEDI AT VORTRAG BEI S. M.
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konzedieren, wir ihn damit doch nicht retten. Der Kaiser ist fest ent-schlossen, sich von Bülow zu trennen. Wir essen bei einem toten Mann,einem solchen dürfen wir weder die Erbschaftssteuer noch die Reform despreußischen Wahlrechts in sein Grab nachwerfen." So erzählte Mehnertnach meinem Rücktritt meinem alten Freunde, dem Präsidenten der ErstenSächsischen Kammer, dem Grafen Friedrich Vitzthum. Heydebrand warüber die Stimmung Seiner Majestät mir gegenüber sehr genau orientiert.Er war ein Schulfreund des Grafen Anton Monts , und obwohl sie inner-politisch sehr verschiedenen Anschauungen huldigten, Heydebrand standsehr weit rechts, Monts dagegen damals ganz links, waren sie persönlichgute Freunde geblieben. Monts hatte, nachdem ihm in Venedig durch KaiserWilhelm II. meine Nachfolge in Aussicht gestellt worden war, sofort anHeydebrand geschrieben, er könne mit der unumstößlichen Tatsache rech-nen, daß der Kaiser entschlossen sei, sich von mir zu trennen. Er hatteihm nicht verraten, daß er selbst sich mit Hoffnungen auf meine Nachfolgetrug, denn er wußte, daß Heydebrand hiervon nicht sehr entzückt seinwürde. Aber er hatte ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß meineStellung beim Kaiser endgültig erschüttert sei.
Zu viele Symptome deuteten für mich darauf hin, daß der Sitz allerSchwierigkeiten, denen ich begegnete, an der Allerhöchsten Stelle war,als daß ich nicht das Bedürfnis empfunden hätte, mein Verhältnis zumKaiser noch einmal und endgültig zu klären. Ich erbat einen Immediat-vortrag, der mir am 18. Mai in Wiesbaden gewährt wurde. Ich fand denKaiser in frohster Stimmung. Er begrüßte mich mit der Versicherung,daß sein diesmaliger Empfang in Wien „wirklich und wahrhaftig" allesübertroffen hätte, was er bei solchem Anlaß an Begeisterung und Liebe jeerlebt habe. Er war auch sehr stolz auf seine politischen Erfolge in Korfu .Er habe die Griechen für immer auf unsere Seite gebracht, und das bedeuteein starkes Aktivum in unserer gesamten politischen Bilanz. Als ich aufGrund meines eigenen, fast zweijährigen Aufenthalts in Griechenland derMeinung Ausdruck gab, daß die modernen Griechen bei ihren zerfahreneninneren Verhältnissen, ihrer militärischen Schwäche und ihrer Unzuver-lässigkeit mehr an die Graeculi der Römerzeit erinnerten als an die Heldenvon Marathon und den Thermopylen und daß wir sie deshalb nicht als einenernsten und gewichtigen Faktor in unsere politische Rechnung einstellendürften, schlug die anfänglich gute Laune Seiner Majestät rasch um. Siewurde nicht besser, als ich das ihm ohnehin langweilige und unsympathischeThema der Reichsfinanzreform anschnitt. Ich Ueß aber keinen Zweifeldarüber, daß ich ihm gerade über den Stand dieser Frage eingehend Vortraghalten müsse. Unbekümmert darum, daß der Kaiser mehrfach Zeichen vonUngeduld gab und ein- oder zweimal nur mühsam ein Gähnen unterdrückte,