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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER KAISER FÜNFZIGJÄHRIG

verbreitete ich mich während einer guten Stunde über die Haltung derParteien, über die Lage im Reichstag und über meine eigene Stellung gegen-über dieser Situation, vielleicht zu eingehend, aber möglichst klar und ohneUmschweife. Als ich davon sprach, daß sich die politische Situation durchdie Kurzsichtigkeit und unstaatsmännische Haltung der Konservativenbedenklich zugespitzt hätte, meinte der Kaiser, mich rasch unterbrechend,daß er einer Auflösung des Reichstags nicht zustimmen könne. Ich er-widerte, ich hätte die Auflösung ja gar nicht in Vorschlag gebracht, daauch ich eine solche im Interesse des Landes und der Krone nicht für rat-sam halte. Eine andere Frage sei, ob ich eine politische Entwicklung würdemitmachen können und wollen, die mit der Sprengung des Blocks begonnenhabe und durch die Verwerfung der Erbschaftssteuer gekrönt werdensolle. Ich beobachtete, während ich dies entwickelte, das MienenspielSeiner Majestät. Ich kannte den hohen Herrn zu genau, um nicht zu merken,daß zwei Gefühle in ihm stritten. Er wünschte meinen Rücktritt, er wolltemich loswerden. Aber er wollte den Augenblick meines Ausscheidens, dieForm und die Modalität meines Fortgehens selbst bestimmen.

Vier Tage später begegneten wir uns wieder auf dem Sängerfest inSängerfest Frankfurt a. M. Ich habe selten einen enthusiastischeren Empfang erlebtin Frankfurt a \ 3 fori, der Wilhelm IL bei diesem Wettstreit deutscher Männergesang-^' vereine in der alten Wahl- und Krönungsstadt deutscher Kaiser bereitetwurde, in der schönen Mainstadt, wo ich meine Kindheit verlebt hatte.Der Jubel war unbeschreiblich. Als der herrliche Kaisermarsch von RichardWagner ertönte, drückte mir die Kaiserin die Hand. Sie hatte Tränen imAuge, als sie mir sagte:Es ist alles so gut gekommen, wie Sie es mir imNeuen Palais voraussagten, ich danke Ihnen von Herzen." Sie sagte dasmit leiser Stimme und mit einem ängstlichen Bück auf den Kaiser, der ineiniger Entfernung mit lauter Stimme seiner Umgebung auseinandersetzte,er habe recht behalten mit seiner Überzeugung, daß das deutsche Volk ihmstets durch dick und dünn folgen würde. Das Selbstgefühl Seiner Majestäthob sich immer mehr. Er hatte schon bald nach seinem letzten Geburtstagin dieser Richtung ein bezeichnendes Marginal zu den Akten gegeben.Ich hatte den Bundesfürsten vertraulich nahelegen lassen, zum fünfzigstenGeburtstag des Kaisers, zum 27. Januar 1909, nach Berlin zu kommen.Das Erscheinen aller deutschen Souveräne trug nicht wenig dazu bei,den Glanz dieser Geburtstagsfeier zu erhöhen. In Vertretung seines Vaters,des durch sein hohes Alter am Erscheinen verhinderten PrinzregentenLuitpold, verlas Prinz Ludwig von Bayern eine sehr schöne Ansprache,in welcher der Gedanke der Reichseinheit zu erhebendem Ausdruck ge-langte. Während des Cercles, der nach der Galatafel in der Bildergaleriestattfand, gaben fast alle Bundesfürsten ihren patriotischen Empfindungen