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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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IM KREIS DER KRONENTRÄGER

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und Gesinnungen mir gegenüber lebhaften Ausdruck. Die meisten von ihnensprachen mir gleichzeitig die Hoffnung aus, daß ich zum Wohle des Reichsnoch viele Jahre in meinem Amt bleiben würde, mit besonderer Wärme derPrinz Ludwig von Bayern, der Großherzog von Baden und der König vonWürttemberg . König Wilhelm von Württemberg, ein ebenso patriotischerwie verständiger Herr, dem Kaiser schon als alter Gardehusar treu ergeben,aber ebenso treu dem Reich, sagte mir:Wir hoffen alle, daß Sie bleiben, unddas Volk wünscht und hofft es auch. In meinem Lande gibt es sogar vieleZentrumswählcr, die, wie mir katholische Herren in Württemberg versicherthaben, schon im Hinblick auf die auswärtige Pobtik Ihr Bleiben wünschen."Der Kaiser bewegte sich mit hohem und markiertem Selbstgefühl im Kreiseder Kronenträger. Mein Freund Knesebeck sagte mir, leise auf den Enkeldes bescheidenen Kaisers Wilhelm I. deutend:Sieht er nicht aus wie einPfau, der sein Rad schlägt?" Und mit melanchobschem Lächeln fügte derkluge und treue Freund hinzu:Und noch mehr erinnert er leider an denjungen Lord von Edenhall in Uhlands Gedicht. Absit omen!" Als einigeTage später in einigen Berichten der preußischen Gesandten bei den deut-schen Höfen die diskrete Einwirkung gestreift wurde, die zu dem Erscheinenaller deutschen Fürsten im Berliner Schloß beigetragen hatte, schrieb derKaiser an den Rand, daß solche Beeinflussung unnötig gewesen wäre, denndie Bundesfürsten wüßten selbst, was des Kaisers Majestät gegenüber ihreverfluchte Pflicht und Schuldigkeit sei.

Inzwischen hatte die von Herrn von Heydebrand gegen den Wider-spruch vieler Konservativer (Schwerin -Löwitz, Kanitz-Podangen, Kap- Eine Koteriehengst, Hohenlohe-Oehringen, Pauli usw.) hartnäckig verfolgte Annäherung bildet sichan das Zentrum und die Polen unter Abwendung von den Liberalen weitereFortschritte gemacht. Es wurde immer unwahrscheinlicher, daß dieReichsfinanzreform mit der von mir gewünschten Besitzsteuer im Reichstagdurchgehen würde. Graf Udo Stolberg , seitdem durch die Wahlen von1907 herbeigeführten Umschwung Präsident des Reichstags, seit achtund-dreißig Jahren Mitgbed des Reichstags, einer der klügsten und bewährtestenVorkämpfer der konservativen Richtung und Partei hatte schon am 22. Mai1909 an Herrn von Loebell geschrieben:Meine einzige Hoffnung, daß esnicht schiefgeht, beruht auf der Person des Reichskanzlers. Ich bin ineiner ähnlichen Lage wie Ballestrem, der einen Fehler, den seine Freundebegingen, sah, aber nicht ändern konnte. Ich nehme an, daß Sie diesenBrief nicht veröffentlichen oder daß Sie es erst tun, wenn ich tot bin, inwelchem Fall es mir gleichgültig ist." Gleichzeitig wurde mehr als je beimKaiser gegen mich intrigiert. Es hatte sich zu diesem Zweck eine Gruppezusammengefunden, die sich derBund der Kaisertreuen" nannte. EineHauptrolle in dieser Koterie spielte Fürst Max Fürstenberg , der, wie ich