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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SCHMERZLICHES BEDAUERN"

Kaisertreuen." hat später das Schicksal ereilt oder wenigstens entlarvt.Von Calmette zu schweigen, den kurz vor Beginn des Weltkriegs FrauCaillaux erschoß, wurde Eckardstein während des Weltkriegs unter Ver-dacht des Landesverrats von der Militärbehörde hinter Schloß und Riegelgebracht. Rudolf Martin schwenkte, als die Novemberrevolution ausbrach,von den Kaisertreuen zu den Sozialisten über. Graf Hans Oppersdorff aufOberglogau in Schlesien verfiel alsOppersdorfFski" der allgemeinen Ver-achtung.

Ich habe schon erwähnt, wie beglückt Wilhelm II. war, daß ihn seinZehn Gebote Kollege Nicky aus eigenem Antrieb zu einer freundschaftlichen Begegnungfür den Kaiser ^ ^ cn russischen Gewässern aufforderte. Im Hinblick auf die kritischeinnere Lage dispensierte mich der Kaiser proprio motu von der Teilnahmean der Entrevue durch das nachstehende Schreiben, das der Chef desZivilkabinetts schon am 2. Juni 1909 an mich richtete.Eurer Durchlauchtbeehre ich mich auf Allerhöchsten Befehl ganz ergebenst zu melden, daßSeine Majestät der Kaiser und König Allerhöchstsich sehr gefreut hätten,wenn bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit Seiner Majestät demKaiser von Rußland Eure Durchlaucht Allerhöchstihnen zur Seite gestandenhätten. Seine Majestät haben aber erfahren, daß der Reichstag am 15. d. M.wieder zusammentritt, und glauben bei der besonderen Wichtigkeit derbevorstehenden Beratungen über die Reichsfinanzreform die AnwesenheitEurer Durchlaucht im Reichstage für unentbehrlich halten zu müssen.Unter diesen Umständen wollen Seine Majestät zu Allerhöchstihremschmerzlichen Bedauern auf Eurer Durchlaucht Begleitung nach Danzig verzichten und ersuchen Eure Durchlaucht, Sich durch den Herrn Staats-sekretär des Auswärtigen Amts vertreten zu lassen. Unter dem Ausdruckmeiner ausgezeichneten Verehrung Eurer Durchlaucht sehr ergebenervon Valentini." Der Brief des Kabinettschefs war mit Maschinenschriftgeschrieben. Das Wörtchenschmerzlich" hatte Herr von Valentini nach-träglich noch mit der Feder eingetragen.

Ich gab Herrn von Schön, der Seine Majestät begleiten sollte, als Direk-tive eine kurze Aufzeichnung mit, die ichZehn Gebote " überschrieb.Dieser Dekalog, von dem ich Seiner Majestät eine Abschrift übersandte,lautete wie folgt:

1. Die Russen, insbesondere Iswolski , freundlich behandeln. Wir müssenmit Iswolski über Politik sprechen, da er zu diesem Zweck von seinem Sou-verän mitgebracht wird. Natürbch ist gerade ihm gegenüber Vorsicht ge-boten. Ihn reden lassen.

2. Den Russen nichts sagen, was, nach Wien (sei es direkt, sei esindirekt, etwa via London oder Paris ) gemeldet, dort Mißtrauen erregenkönnte.