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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER BÖSE KANZLER DES MEROWJNGERS

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bei denGestalten und Erscheinungen", Eugen Zimmermann, der währendder letzten Monate meiner Kanzlerzeit eifrig und schneidig meine Sachein der Presse führte, 6agte und schrieb mir, hinter Piraten wie RudolfMartin und Eckardstein stünden schlesische Magnaten, die mir meine nachihrer Auffassung zu arbeiterfreundliche Sozialpolitik übelnähmen. Ich habesolchen Mitteilungen keinen Wert beigelegt und mich auch in meinen per-sönlichen Beziehungen namentlich zu dem Fürsten Guido Henckel -Donnersmark und anderen schlesischen Herren dadurch nicht irremachenlassen.

Sicher ist, daß derselbe Graf Oppersdorff, der zehn Jahre später inDeutschlands schwerster Stunde sein Vaterland verraten und zu den Polen Grafüberlaufen sollte, einer der eifrigsten Teilnehmer des Bundes der Kaiser- Oppersdorfftreuen war. Er hatte sich mit dem Elsässer Wetterle angefreundet, der be-kanntlich sofort nach Ausbruch des Weltkrieges bei Nacht und Nebel vonKolmar über die Grenze nach Frankreich floh, dort während des ganzenKrieges gegen uns hetzte und sich noch jetzt in Paris als französischerPatriot und Todfeind der ,-,Boches" geriert. Der Abbe Wetterle brachte imAuftrag von Oppersdorff durch den Chefredakteur desFigaro", Calmette,Artikel in dieses Blatt, die bestimmt waren, dem Kaiser vorgelegt zuwerden. Sie waren nicht ungeschickt auf die kindliche Phantasie SeinerMajestät berechnet. Ich erinnere mich eines Artikels, in dem als warnendesund abschreckendes Exempel dem Kaiser das Schicksal eines Merowinger -königs vorgeführt wurde, den sein böser Kanzler Gonthram-Bose mit argerList erst umstrickte und betörte, dann durch eine fein eingefädelte Ver-schwörung lahmlegte und schließlich scheren ließ und in ein Kloster steckte.Näheres über diesen traurigen Vorfall ist in denRecits des temps mero-vingiens" von Augustin Thierry nachzulesen. Es heißt da über den bösenGonthram:Gonthram Bose presentait dans son caractere une singulariteremarquable. Germain d'origine, il surpassait en habilete pratique, en talentde ressources, en instinct de rouerie, si ce mot peut Stre employe ici, leshommes plus delies parmi la race gallo-romaine. Ce n'etait pas la mauvaisefoi tudesque, ce mensonge brutal accompagne d'un gros rire: c'etait quelquechose de plus raffine et de plus pervers en meme temps, un esprit d'intrigueuniversel et en quelque sorte nomade, car il allait s'exercant d'un boutä l'autre de la Gaule. Personne ne savait mieux que cet Austrasien pousserles autres dans un pas dangereux et s'en tirer ä propos. On disait de luique jamais il n'avait fait de serment ä un ami, sans le trahir aussitöt,et c'est de probablement que lui venait son surnom germanique. Bose,en Allemand moderne boese, signifie mahn, mechant." Die Parallelezwischen dem argbstigen Gonthram-Bose und dem Fürsten Bülow, dembösen Kanzler des Deutschen Kaisers, lag auf der Hand. Einige der