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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE BEFOLGTEN ZEHN GEBOTE

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3. Dardanellen -Frage nicht anschneiden. Falls Russen davon anfangen,ihnen freundlich erwidern: das sei eine europäische Frage, aber an unseremWiderstand würden die russischen Wünsche gewiß nicht scheitern,sofern die weitere Gestaltung der deutsch -russischen Beziehungen uns einefür Rußland entgegenkommende Haltung gestatte.

4. Kreta -Frage nicht anschneiden. Falls die Russen sie anregen, sagen:wir seien nicht Schutzmacht und gänzlich uninteressiert.

5. Bei etwaigen Klagen der Russen über Österreich seufzen oder lächelnwir, je nach ihrer Intensität, zucken die Achseln, stimmen aber nicht ein.

6. Wir betonen immer wieder die traditionellen freundschaftlichendeutsch -russischen Beziehungen, die Basis der monarchischen Ord-nung in der Welt und des Friedens. Das Dreikaiserbündnis bleibtunser Ideal, aber Russen damit kommen lassen. Wir können uns jetzt aufkeine Separatverständigung mit Rußland einlassen, nur gemeinsam mitÖsterreich .

7. Wenn die Russen die Zustände in der Türkei als unsicher und un-berechenbar hinstellen, ihnen nicht widersprechen; aber selbst die türki-schen Vorgänge mit heiterer Ruhe behandeln. Wir sind dort nicht in ersterLinie engagiert.

8. Kein Wort gegen England sagen! Es würde sofort dorthin weiterge-geben werden und überdies die Russen nur in ihrer gegenwärtigen Hin-neigung zu England bestärken.

9. Wir denken nicht daran, in Persien oder sonst im Orient den Russenentgegenzutreten. Die persischen Vorgänge interessieren uns gar nicht.Nescio quid nobis magis farcimentum sit.

10. Nicht ratsam, zu sehr auf die Vorgänge vom vorigen Winter zurück-zukommen. Wenn die Russen davon anfangen, ihnen sagen: wir warenloyal gegenüber Österreich, ehrlich-freundschaftlich für Rußland ; wirhaben stets den Frieden gewollt. Auf Björkö nicht zurückkommen."

Die Begegnung, die am 17. Juni in den finnischen Schären bei Frederiks-

haven stattfand, war die letzte, die während meiner Amtszeit zwischen dem Die

Kaiser und dem Zaren erfolgte. Sie verlief gut. Der Kaiser befolgte meine Begegnung

Zehn Gebote ". Er hielt auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch keine ^ ent> c i finnischen

Rede aus dem Stegreif, sondern verlas einen von mir sorgsam erwogenen Schären

und schriftlich aufgesetzten Toast. Kaiser Nikolaus hatte bei früherenEntrevuen darunter gelitten, daß der Kaiser bei solchem Anlaß seine her-vorragenden rednerischen Gaben zu entfalten liebte, während der Zar, derkein Demosthenes war, mühsam und gequält von einem großen weißenBlatt seinen Toast ablas. Diesmal verlasen beide Monarchen ihre An-sprachen, was den Zaren sehr angenehm berührte. In dem politischenGespräch, das sich nach dem Diner entspann, gab der Zar dem Kaiser sein

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