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„ernstes und heiliges Wort", er würde weder gegenüber Frankreich nochgegenüber England auf eine Zumutung eingehen, die eine Spitze gegenDeutschland habe oder einer gegen Deutschland gerichteten Absicht ent-springe. Er sei Kaiser Wilhelm in aufrichtiger und vertrauensvoller Freund-schaft verbunden und werde dieser für ihn, seine Krone und sein Reichüberaus wertvollen Freundschaft unter allen Umständen treu bleiben. Erbitte Kaiser Wilhelm , dieser seiner Versicherung unbedingten Glauben zuschenken.
Iswolski war in seinen Gesprächen mit dem Kaiser Wilhelm begleiten-den Staatssekretär des Äußern, Baron Schön, wieder auf die „Unzuver-lässigkeit" und die „Indiskretion" des Barons Aehrenthal zurückgekommen,den er wegen seiner Drohung, streng vertrauliche russische Schriftstückezu veröffentlichen, der Chantage beschuldigte. Aehrenthal habe es dadurchpersönlich für immer mit dem russischen Hofe verschüttet, der berechtigtgewesen wäre, von dem langjährigen und mit russischen Gnadenbeweisenund Auszeichnungen überschütteten österreichisch-ungarischen Botschafterin St. Petersburg eine andere Handlungsweise zu erwarten. Gegenwärtigseien die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich-Ungarn dadurchauf den Gefrierpunkt äußerlich halbwegs korrekter Formen gesunken.Die russische Politik bleibe nichtsdestoweniger friedlich. Allerdings hoffeund erwarte das St. Petersburger Kabinett, daß die deutsche Regierungdie österreichische Regierung eintretendenfalls von einem neuen aggressivenVorgehen auf der Balkanhalbinsel abhalten würde, da Rußland als slawischeund orthodoxe Macht ein solches nach seinen Traditionen nicht ruhig hin-nehmen könnte. Herr von Schön erwiderte auf Grund der ihm von mirerteilten Weisungen, daß die Österreicher die Idee des Vormarsches aufSaloniki aufgegeben hätten. In der Annexions-Frage habe es sich lediglichum die formelle Erledigung einer im Prinzip längst entschiedenen Fragegehandelt, zu deren praktischer Lösung äußere Umstände gedrängt hätten.Weder bei dem österreichischen Vorgehen im Sandschak noch in derAnnexions-Frage hätten wir schiebend hinter Österreich-Ungarn gestanden.Der russische Minister des Äußern beß mir durch Schön die bestimmteVersicherung übermitteln, daß sich das russisch -engbsche Einvernehmenausschließbch auf die bekannten zentralasiatischen Fragen erstrecke undein weiterer Ausbau desselben von ihm nicht beabsichtigt und niemals,auch nicht in Reval, in Frage gekommen wäre. Er wolle weder die deutschenwirtschaftbchen Interessen in Persien beeinträchtigen, zumal er deren maß-volle Verfolgung von unserer Seite gern anerkenne, noch insbesondereseinem Einvernehmen mit England eine Spitze gegen Deutschland geben.Die Triple-Entente sei eine Erfindung der Presse. Kaiser Nikolaus und erdächten nicht daran, sich durch eine feste Gruppenbildung die Hände für