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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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PREUSSEN UND DAS REICH

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so kleinlich, die politischen Gegensätze auf das persönliche Gebiet zu über-tragen. Ich hoffe, wir werden auch dahin kommen, daß man den, der inpolitischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fragen anders denkt als manselbst, deshalb nicht gleich für einen Narren oder für einen Schurken hält.Das wird dann ein schöner Fortschritt sein auf dem Wege der Befreiungvon geistiger Gebundenheit, auf dem von Goethe empfohlenen Wege derAbstreifung von Philisternetzen. Aber vorläufig sind wir noch nicht soweit."

Im weiteren Verlauf meiner Ausführungen hieß ich keinen Zweifel übermeinen festen Entschluß, die Geschäfte so zu führen, daß die Liberalennicht von der Mitwirkung ausgeschlossen würden, denn eine solche Mit-arbeit erscheine mir im Interesse einer ruhigen und gesunden Fortentwick-lung in hohem Grade wünschenswert. Den liberalen Geist auszuschaltenaus unserem öffentlichen Leben und unserer Gesetzgebung, würde ich fürein historisches Unrecht halten und für einen politischen Fehler.Was indem alten Einheitsstaat Preußen möglich und gut war, ist nicht immermöglich und gut in dem Bundesstaat Deutsches Reich. Man wird in Süd-deutschland und in Mitteldeutschland lernen müssen, den Wert des kon-servativen Preußen noch höher, viel höher zu schätzen. Man wird aber auchin dem konservativen Preußen nicht vergessen dürfen, daß die stämme-verbindende Kraft des Liberalismus mit seinem Anrecht auf national-deutsche Gesinnung für das Deutsche Reich unentbehrlich ist." Dannrechnete ich mit der Rechten ab. Ich erinnerte sie daran, daß ich, kaumMinister geworden, die damalige Spannung zwischen der KonservativenPartei und der Krone beseitigt, daß ich in jahrelanger Arbeit, mit großerMühe, mit großer Geduld die gänzlich verfahrene Kanalfrage eingerenkthätte, daß ich seit dem ersten Tage, buchstäblich seit der ersten Stundemeiner amtlichen Tätigkeit für die Wünsche, die Bedürfnisse, die Interessender Landwirtschaft eingetreten wäre. Unter lebhafter Zustimmung undgroßer Heiterkeit der Linken rief ich den Konservativen zu:Sie werdenlange warten können, bis Sie wieder einen Kanzler bekommen, der kon-servative Interessen, die wahrhaft konservativen Interessen und die wirk-lichen und dauernden Bedürfnisse der Landwirtschaft so konsequent undnamentlich so erfolgreich fördert wie ich. Ja! Ich habe sie gefördert, aberim Rahmen des Staatsinteresses. Von der Linie, die mir die Staatsräsonvorschreibt, lasse ich mich auch durch die Konservative Partei nicht ab-drängen." Die Konservativen irrten sich, fuhr ich fort, wenn sie glaubten,daß Konsequenz auch politische Fehler rechtfertige.Der Sieg in derGegenwart ist häufig der Pfad zur Niederlage in der Zukunft!" Ich scheutemich nicht, trotz lärmendem Widerspruch der Linken zu sagen, daß unterFührung der Monarchie die Junker, jawohl, die mit Unrecht viel geschmähten