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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ANSAGE DES RÜCKTRITTS

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entspricht, deshalb, nicht aus Eigensinn oder Rechthaberei, halte ich an derErbschaftssteuer fest. Ich hoffe, daß im Reichstag Gemeinsinn, nationalesund soziales Empfinden den Sieg davontragen werden über Kleinlichkeitund Parteigezänk." Ich schloß mit den Worten:Wenn ich mich überzeugensollte, daß meine Person der Sache entgegensteht, daß ein anderer leichterzum Ziel gelangt, oder wenn sich die Verhältnisse in einer Richtung ent-wickeln sollten, die ich nicht mitmachen kann, nicht mitmachen will undnicht mitmachen werde, so wird es mir auch möglich sein, den Trägerder Krone von der Opportunität meines Rücktritts zu überzeugen, \mddann wird mein Wunsch, daß meinem Nachfolger Erfolg beschieden seinmöge, ebenso ehrbch sein, wie es meine Arbeit im Dienste des Landes war."

Es war das letzte Mal, daß ich im Deutschen Reichstag das Wort er-griffen habe. Während des ersten Teils meiner Rede wurde ich vom Zentrumund von den Sozialdemokraten mehrfach unterbrochen, dann aber schwei-gend angehört. Die beiden mir feindbehen Parteien zischten auch nicht,als ich schloß, während die Liberalen und die Mehrheit der Konservativenin stürmischen Beifall ausbrachen. Von den Berliner Abendblättern meintedas demokratischeBerliner Tageblatt", es würde zum mindesten nichtüberraschen, wenn sich Fürst Bülow auch diesmal, trotzdem er mit seinemRücktritt spiele, als Herr der Situation erweisen sollte. Die konservativeKreuz-Zeitung " versicherte:Die hohen Verdienste dieses Reichskanzlersauf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik und der auswärtigen Politik sichernihm für alle Zeit die Dankbarkeit der Nation und auch der KonservativenPartei. Wir hoffen und vertrauen auch heute noch, daß sein großes undstaatsmännisches Geschick ihn Mittel und Wege finden läßt, um die gründ-Kche Reform der Reichsfinanzen in einer befriedigenden Weise zu lösen."Das leitende klerikale Blatt, dieGermania", bezeichnete meine Rede alseinen neuen Affront" gegen das Zentrum. Die freikonservativePost"schrieb:Darüber konnte niemand im Zweifel sein, daß der Tag der Ab-rechnung gekommen war, als Fürst Bülow sich erhob, um sofort mit einemmächtigen Ausfall ,aufs Ganze' vorzugehen. Klar und bestimmt übernahmer seine Führerrolle. Jedem einzelnen sagte er offen und ohne mit derWimper zu zucken, wohin er sich verlaufen hätte und wo sein Platz seinmuß, jeder Fraktion zeigte er ihre Irrtümer und taktischen Fehler undseine eigene Stellung."

Mit Befriedigung konnte ich in diesen Monaten, die meinem Rücktrittvorangingen, auf den Stand der Ostmarkenfrage blicken. Ich hatte, nach- D iedem die Zügel der preußischen Regierung in meine Hand gelegt wordenwaren, mehr als einmal erklärt, daß ich die Ostmarkenfrage als die wichtigsteFrage unserer inneren Politik betrachte. Der Schwerpunkt lag in der konse-quenten und entschlossenen Förderung des Ansiedlungswerks. Aber je

Ostmarken-frage