„IMMER FESTE AUF DIE WESTEI'
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auf ganz bestimmte Fälle beschränkte Enteignungsvorlage ziemlich über-trieben finde. In einem Blatt, das seinerzeit meine Enteignuugspolitikheftig bekämpfte, im „Berliner Tageblatt", las ich um die Weihnachtszeit1922: „Hinter der erschreckenden Ziffer der seit der Besitzergreifungdeutschen Landes durch die Polen allein aus Posen und Westpreußen ver-triebenen siebenmalhunderttausend Deutschen steigt die ganze Mensch-heits- und Kulturtragödie herauf, die sich hinter den Grenzmauern desneuen Polen, innerhalb des deutschen Posen, Westpreußen und Ober-schlesien abspielt." ,Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!' läßtSeume seinen Kanadier sagen.
Als ich dem Kaiser gemeinsam mit dem Landwirtschaftsminister Arnim-Krieven und dem Finanzminister Rheinbaben über die Enteignungsfrage DieVortrag hielt, hob ich mit Ernst und rückhaltlos alle Bedenken hervor, die Enteignungich gegen diese gesetzgeberische Maßnahme gehegt und nur schwer und nur P°'" lse ' lerl
angesichts einer Dira necessitas in mir überwunden hätte. Wilhelm II. ro ^ runrfD besitzes
ging rasch und mit Ungeduld über meine Skrupel weg. „Nur immer festeauf die Weste!" meinte er. „Ich wünsche seit langem ein solches Gesetz!Endlich!" Als der Vortrag zu Ende war und wir die Marmortreppe hin-untergingen, die in breiten, eckigen Windungen die verschiedenen Stock-werke des Schlosses verbindet, frug mich der eifrige und redliche Rhein-baben erstaunt und beinahe unwillig: „Warum in aller Welt haben EureDurchlaucht in den schäumenden köstlichen Wein der kaiserlichen Be-geisterung für unsere Vorlage den Wermut Ihrer Zweifel und Bedenkengegossen?" Ich entgegnete, daß ich es für meine Pflicht gehalten habe,wie bei jedem gewagten Vorgehen auch diesmal Seiner Majestät das Prowie das Contra gewissenhaft vorzutragen. Ich fügte hinzu: „Freuen wir uns,wenn Seine Majestät bei der Stange bleibt. Den Kaiser für neue Ideen,ein neues Unternehmen zu begeistern, ist leicht. Aber zu erreichen, daß erdurchhält, daß er, wenn Schwierigkeiten und Gefahren eintreten, nicht aus-biegt oder umfällt, das ist nicht so leicht." Es dauerte auch nicht lange,daß Wilhelm IL, namentlich unter dem Einfluß seines Günstlings, desFürsten Max Fürstenberg , in der Enteignungsfrage ins Schwanken geriet,daß er diese Maßnahme tadelte, daß er sie rückgängig machen wollte, undnach meinem Rücktritt wurde die Enteignungsvorlage für Seine Majestätein Lieblingsthema, um meine politische Beschränktheit und moralischeMinderwertigkeit zu beweisen. Immerhin: Quod licet Jovi, non licet bovi.Jupiter hat Rechte und Freiheiten, die dem Bos nicht zustehen.
Während der Chef der Reichskanzlei, Loebell, meine Bedenken und Zwei-fel gegenüber der Enteignung würdigte, in sich erwog und durcharbei-tete, überbot der Vortragende Rat in der Reichskanzlei, Wahnschaffe,wegen seiner glänzenden Fassade der „schöne" Wahnschaffe genannt, in