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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOWS GEGNER

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Ansicht, daß, wenn nun das Enteignungsgesetz ohne unnötige Härten,aber mit ruhiger Festigkeit und Stetigkeit zehn Jahre durchgeführt würde,das Deutschtum im preußischen Osten gesiegt habe. So standen im Ostendie Dinge, als Heydebrand und sein Schildknappe Westarp mit Hilfe derPolen meinen Rücktritt herbeiführten und damit einer Entwicklung dieWege ebneten, die zu der Wiederherstellung von Polen und damit zumVerlust der deutschen Ostmark führte.

Je näher in der Frage der Erbschaftssteuer die Entscheidung rückte,um so höher stieg die Erregung im Lande, das ohne Frage und gerade in Wilhelm II. seinen besten, in den national gesinnten Kreisen mein Bleiben wünschte. un(l Bül° wUm so eifriger aber wurden auch die Bemühungen meiner Gegner undnamentlich meiner höfischen Gegner, meinen Rücktritt herbeizuführen.Die Haltung Seiner Majestät wurde immer widerspruchsvoller. Ich hatteWeisung gegeben, dem Kaiser alle ernsten Zeitungsartikel über die inner-politische Lage und insbesondere über mich selbst vorzulegen, nicht nur diefreundlichen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, die unfreundlichen.Ad marginem der für mich günstigen Artikel schrieb Seine Majestät;Bravo! Bravissimo! Ganz vorzüglich! So sollten alle denken!" Tadel undAngriffe gegen mich wurden mit Randvermerken versehen, wieLüge!Verleumdung! Elender Preßpirat!" Ich entsinne mich des Artikels einesWiener Blatts, in dem ausgeführt wurde, der Kaiser wäre zu edel und zupatriotisch, als daß er mir meine Haltung während der Novemberkrisis von1908 nachtragen könnte. Der Kaiser schrieb ad marginem:Ist mir ausder Seele geschrieben!" Ich entsinne mich auch eines anderen Artikels,in dem es hieß, daß der Kaiser innerlich meinen Fortgang nicht ungernsehen würde, denn er grolle mir wegen der Vorhaltungen, die ich ihm imNovember 1908 gemacht hätte. Der Kaiser schrieb an den Rand:Schurke!Erbärmbcher Verleumder!" Leider hörte ich aber auf der anderen Seite vonVorgängen, die nicht ganz mit diesen Allerhöchsten Marginalien überein-stimmten. Graf August Eulenburg teilte mir vertraubch mit, daß der Kaiserzu längerer Unterredung denselben Eckardstein empfangen hätte, den ernach seinem skandalösen Ehescheidungsprozeß und allerlei anderen üblenStreichen und öffentlicher Brandmarkung aus dem Beamtenstand hatteausstoßen wollen. Ich hörte auch, daß der Kaiser einen meiner gehässigstenGegner, den Grafen Hans Oppersdorff, mit seiner Frau zu einem kleinenDiner befohlen und sich lange mit ihm unterhalten habe. Um diese Ein-ladung vor der Kaiserin, die lebhaft mein Bleiben wünschte, zu motivieren,war ihr gesagt worden, daß die Gräfin Oppersdorff nicht weniger als zwölfKindern das Leben gegeben hätte und das in vierzehn Jahren. Unter denzwölf Sprossen waren nämlich zwei Zwillingspärchen. Die Gräfin DodoOppersdorff, eine geborene Prinzessin Radziwill, war übrigens eine schöne