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POLEN-KOMPROMISS
des Auslandes zu erbeben, ist nicbt die Art großer Völker. Es ist unserePflicbt, durch eine gerechte und ruhige Politik Vertrauen und Achtungzu erwerben und mitzuarbeiten an der großen, gemeinsamen Aufgabeder Zivilisation. Aber allen Haß und jeden Neid zu entwaffnen, das istweder dem einzelnen möglich noch einem ganzen Volk. Wir müssen unsmehr ruhiges Nationalgefühl angewöhnen, mehr trotzigen Selbsterhaltungs-trieb." Schließlich gelang es mir, in beiden Häusern des Landtags denKompromißantrag Adickes durchzubringen, durch den die Beschränkungder Enteignung auf neun Kreise von Posen und Westpreußen beseitigtund der Regierung das Recht eingeräumt wurde, in allen Teilen der ge-nannten Provinzen bis zu einer Gesamtfläche von siebzigtausend Hektarzu enteignen. Im Gegensatz zu manchen seiner konservativen und agra-rischen Freunde trat Herr von Oldenburg mit Schwung und Schneid fürdie Enteignungsvorlage ein. Er war mit seinem Humor, in seiner Originali-tät und Urwüchsigkeit ein Junker von der besten Sorte. Er sprach mir ausder Seele, als er seine Rede mit den Worten schloß:
Der Adler Preußens wendet sich zum Lichte,Schwer ist sein Flug, er trägt die Weltgeschichte.
Nach Durchbringung der Vorlage erhielt ich von dem Vorstand des Ost-rich An- marken Vereins ein Dankschreiben, in dem die unter meiner „hingebungs-nahme des vollen und zielbewußten Führung" erkämpfte Annahme des Enteignungs-ompromisses g ese t zes a l s em d em Deutschtum in den Ostmarken erwiesener Dienst vonweltgeschichtlicher Tragweite bezeichnet wurde. Die überwältigende Mehr-heit der ostdeutschen Bevölkerung atme, von einem schweren Alpdruckbefreit, freudig und hoffnungsvoll auf. Der ehrwürdige, mehr als achtzig-jährige General Graf Wartensleben, im siegreichen Kriege gegen Frankreich der ruhmvolle Oberqnartiermeister der Ersten Armee, schrieb mir: „EuerDurchlaucht beglückwünsche ich von ganzem Herzen zu dem schweren,aber entscheidenden Siege in der Ostmarkensache. Ich hatte mich schon vorlängerer Zeit für den 26. zum Wort gemeldet. Leider bin ich aber zumerstenmal mit meinen einundachtzig Jahren zur unrechten Zeit erkranktund mußte auf entschiedenes Verbot des Arztes die Reise nach Berlin aufgeben. Ich trage schwer daran, daß ich dieses Mal meiner Pflicht nichtgenügen konnte. Die Hauptsache aber ist das gestrige, anscheinend überErwarten günstige Ergebnis. In altbekannter Verehrung Eurer Durch-laucht aufrichtig ergebenster Graf Wartensleben, General der Kavallerie."Mein Personalreferent Fürst Lichnowsky erzählte mir bald nach Jer An-nahme der Enteignungsvorlage vertraulich, daß seine an den Polen Lanskoronski verheiratete jüngste Schwester ihm geschrieben habe, siehöre von allen ihren galizischen Verwandten, Nachbarn und Freunden die