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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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STURM IM LANDTAG

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zu verheißen. Ich sprach den Parteien, die meine Politik bis dahin unter-stützt hatten, den Dank der Königlichen Staatsregierung aus für die Ein-mütigkeit, mit der sie unter Zurückstellung gewichtiger Bedenken 6ichbereit erklärt hätten, freie Bahn zu scharfen für die Fortsetzung unsererAnsiedlungspolitik, einer Politik, durch die allein unser Staatswesenbleiben könne, was es immer bleiben müsse, ein nationaler Staat. DerSitzungsbericht vom 16. Januar 1908 verzeichnet hinter meiner bei derzweiten Beratung der Enteignungsvorlage im Hause der Abgeordnetengehaltenen Rede*:Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen,Zischen bei den Polen und im Zentrum. Wiederholtes starkes Bravorechts und bei den Nationalhberalen, erneutes heftiges Zischen bei denPolen und im Zentrum. Stürmisches Bravo rechts und bei den National-hberalen." Ich habe selbst im Reichstag kaum stürmischere Debatten er-lebt als die Redekämpfe im Preußischen Landtag anläßlich der Ent-eignungsvorlage.

Noch schwieriger als im Abgeordnetenhaus war die Enteignungsvorlageim Herrenhaus durchzubringen. Hier opponierte ihr, in gewählter Form, Imwürdig und maßvoll wie immer, aber mit großer Zähigkeit, mein verehrter HerrenhausGönner und Freund, der Kardinal Kopp . Auch der frühere Landwirtschafts-minister Lucius, mein alter Freund Graf Mirbach- Sorquitten, Leo Buchund andere treffliche Männer machten mir scharfe Opposition. Ich hieltaber in stundenlangen Debatten während drei Tagen fest an meinemLeitsatz. Ohne die Möglichkeit der Enteignung keine zweckmäßige An-siedlungspolitik, ohne die Ansiedlungspolitik verlieren wir unsere östlichenMarken. Ich mußte fünf- oder sechsmal im Landtag das Wort ergreifen,im Herrenhaus mehrmals in derselben Sitzung. Gegenüber Rechtsbedenken,die gegen die Enteignungsvorlage geltend gemacht worden waren, sagte ich:Die Kehrseite des lebendigen und warmen Rechtsgefühls, das unser Volkauszeichnet, dieser seiner vielleicht schönsten Eigenschaft, ist seine politischoft gefährliche Neigung, sich in abstraktem Formalismus zu verirren, istder uns Deutschen seit jeher eigene Trieb, auch große politische Fragenlediglich vom Standpunkte des Privatrechts zu beurteilen. Damit kommtman in großen politischen Existenzfragen nicht durch. Die erste, die obersteund vornehmste Pflicht des Staats ist, sich selbst zu behaupten. So machenes alle anderen Völker, und wenn wir es nicht ebenso machen, so kommenwir unter die Räder." Gegenüber der Behauptung, daß unsere Ostmarken-politik in Österreich mißfiele und uns dort schaden würde, erklärte ich:Es ist gut, alle Wetterzeichen am Horizont der auswärtigen Politik zu be-achten und namentlich jedes Wetterleuchten. Aber vor jedem Stirnrunzeln

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 90ff.; Reclam-Ausgabe IV, 286ff.