OHNE KAISERLICHEN SCHILD
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Kaiser. Er war, wie sich eine englische Freundin von mir ausdrückte, dieWilhelm II. seit seiner Jugend kannte: „Not false but fickle“. Je nachseiner momentanen Stimmung wechselten seine Ansichten und Urteile.Die Stimmung hing wieder zum großen Teil von den Menschen ab, die ergerade gesehen hatte. Albert Ballin pflegte zu sagen: „Wenn ich zum Kaisergehen muß, pflege ich immer zu fragen, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat.Dann weiß ich auch, was er denkt.“ Ich möchte übrigens ausdrücklichbetonen, daß unter den „Kaisertreuen“, die gegen mich intrigierten,Unterschiede, zum Teil tiefgehende Differenzen in Art und Wesen bestan-den. Einige waren nur Werkzeuge, die von den Höherstehenden benutzt,aber gleichzeitig verachtet wurden. Als einige Jahre nach meinem Rücktrittder Kaiser die Schweiz besuchte, nahm er Eugen von Röder zur Belohnungfür seine Kaisertreue mit auf die Reise. Der Vater Röder war deutscherGesandter, und ein ganz tüchtiger Gesandter, in der Schweiz gewesen.Deutscher Gesandter in Bern war während dieses Kaiserbesuchs meinBruder Alfred. Als der Kaiser mit seinem Gefolge bei einem kleinenSpaziergang auf einem Schweizer Bauernhöfe weilte, wo sich in ländlicherUnschuld auch eine Mistgrube breitmachte, bemerkte mein Bruder, wie sichRöder in allzu großer Nähe dieser übel duftenden Grube befand, und gabder Besorgnis Ausdruck, daß er in diese Grube fallen und so zu Schadenkommen könnte. „Lassen Sie nur gut sein“, meinte der neben meinemBruder stehende Max Fürstenberg , „in die Jauche gehört das Ferkel.“Zu meinem Geburtstag hatte ich ein ungewöhnlich herzliches Telegrammdes Kaisers erhalten. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich nach meinemRücktritt freiwillig und unaufgefordert dem Kaiser alle von ihm an michgerichteten Briefe und Telegramme zurückgereicht und nur von wenigenAbschrift behalten habe. Ich erinnere mich aber mit Bestimmtheit, daß derKaiser in diesem letzten Geburtstagstelegramm, das er während meinerAmtszeit an mich richtete, dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck gab,ich möge ihm noch lange als Kanzler zur Seite stehen. Es folgte in demkaiserlichen Telegramm ein sehr kräftiger Satz, daß er sich weder durchgegen mich gerichtete Angriffe noch durch Presseumtriebe oder parlamen-tarische Beschlüsse an mir irremachen lassen würde. Loebell bat um dieErlaubnis, diesen Beweis Allerhöchster Gnade und Allerhöchsten Ver-trauens zu veröffentlichen. Ich habe das abgelehnt. Nachdem ich im No-vember 1908 den Kaiser im Interesse des Landes wie der Krone vor allzuhäufigem Erscheinen auf der politischen Bühne gewarnt hatte, erschien esmir nicht würdig, jetzt den kaiserlichen Schild vor mich zu halten. Ichpflegte, solange ich Reichskanzler war, zu meinem Geburtstage vieleGlückwünsche zu erhalten. Donec eris felix, multos numerabis amicos.Zum 3. Mai 1909 war die Zahl der Gratulanten besonders groß. Der General-
Biilows60. Geburtstag