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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOWS SECHZIGSTER GEBURTSTAG

adjutant von Plessen schrieb mir:Klassischer Zeuge der unermüdlichenMühen und Sorgen, welche täglich aufs neue Ihren Schultern zugemutetwerden, zittere ich vor dem Gedanken, daß Sie eines Tages diese Bürdeabschütteln könnten. Wollte Gott , daß Ihr kommendes Lebensjahr demKaiser und dem Vaterlande geweiht sei! Ich weiß sonst nicht, was werdensoll. Die Fürstin hat Sie so lange in der schweren Arbeit gestützt undgepflegt, möchte ihre selbstlose Hingabe der guten Sache auch ferner bei-stehen! Das sagen Sie ihr, bitte, mit meinen besten Empfehlungen." DerStaatssekretär von Bethmann Hollweg, dem ich anläßlich der Annahmedes Vereins- und des Börsengesetzes meine Befriedigung ausgesprochenhatte, telegraphierte mir mit gleichzeitigem Glückwunsch zu meinem Ge-burtstag:Die Mitarbeit an der durch Eure Durchlaucht neu orientierteninneren Politik, welche zahllose, früher verbitterte Kräfte zu neuem Lebenerweckt und welche schließlich auch eine neue Brücke über den Mainschlagen wird, ist mir der größte Lohn." Natürlich fehlte auch der auf-dringliche Professor Schiemann nicht, den ich wieder einmal wegen einestaktlosen Artikels hatte koramieren müssen. Er schrieb nach submissemGlückwunsch zu meinem sechzigsten Geburtstag:Ich bin mir bewußt,mit größter Vorsicht vorzugehen, und weiß nicht, worin ich fehlgegriffenhabe. Aber das Bewußtsein, nicht zu nützen, sondern schädlich zu wirken,wäre mir unerträglich! Aus dieser Empfindung heraus bin ich in stets glei-cher Verehrung Eurer Durchlaucht ehrfurchtsvollst ergebener TheodorSchiemann." Mein Pressechef Hammann wollte seinen Glückwunsch nichtnur mündlich, sondern auch schriftlich darbringen und schrieb trotz derFährden und Nöte seines Meineidsprozesses:Eure Durchlaucht mögenüberzeugt sein, daß ich mich heute wie immer unter denen befinde, die demMenschen wie dem Staatsmann von ganzem Herzen Glück und Segen undneue Erfolge für des Beiches Wohl im reichsten Maße wünschen. Ein Jahrvoll großer Arbeit liegt hinter Ihnen. Sie haben das Schwerste standhaft undtreu im gottbegnadeten Vollbesitz Ihrer körperlichen, geistigen und see-lischen Kräfte und Gaben überwunden. Möge Eure Durchlaucht im neuenJahr der alte bleiben, im Menschlichen wie im Politischen, im Mühen wieim Erfolg. In dankbarer Verehrung Euer Durchlaucht gehorsamer Ham-mann."

Der langjährige Korrespondent derFrankfurter Zeitung ", AugustStein, der politisch nicht immer mit mir einverstanden war, mir mensch-lich aber wohlwollte, hatte nicht lange vor meinem Geburtstag sein fünf-undzwanzigjähriges Jubiläum als Mitarbeiter des großen FrankfurterBlattes gefeiert. Auf einen Glückwunsch, den ich ihm bei dieser Gelegeuheitausgesprochen hatte und in dem ich dem scherzhaften Erwarten Ausdruckgab, er werde auf die silberne Hochzeit mit der Frankfurterin auch noch