WER WIRD NACHFOLGER?
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die goldene folgen lassen, antwortete mir August Stein: „Eure Durchlauchtbitte ich, meinen besten Dank entgegenzunehmen für die freundlichenWorte und Wünsche, mit denen Sie mich aus Anlaß meiner silbernen Hoch-zeit mit der Frankfurterin geehrt haben. Doch Eurer Durchlaucht mögenmir verzeihen: noch fünfundzwanzig Jahre in diesem Dienst und noch einenReichskanzler, der mir wohlgesinnt ist und dem ich durch persönliche Ver-ehrung in allen Wechseln der Politik ergeben bin--nein, Durchlaucht,
das wären ,Vota diis exaudita mabgnis'. Der Publizist wandelt in Deutsch-land nicht ungestraft unter der Gunst und in der Verehrung für den lei-tenden Staatsmann. Ich habe gar keine Sehnsucht nach irgendeinem Nach-folger. Die sozialdemokratische Leipziger Volkszeitung hat mich in diesenTagen ,neben Mohrchen den treusten Stubenhund des Reichskanzlers'genannt. Das nehme ich lachend hin, aber der Gedanke ängstigt mich, daßein späterer Kanzler irgendein anderes Haustier halten könnte, mit demdann sozialdemokratische Liebenswürdigkeit mich vergliche. Dem Nächstenwürde ich unbedingt opponieren. Und da ich das nicht gern täte, lassenEure Durchlaucht sich vielleicht bewegen, noch einige Jahre an der Spitzezu bleiben, und lassen sich gefallen die aufrichtige Verehrung Ihres ganzergebenen A. Stein." Gustav Schmoller , neben und mit Ulrich von Wilamo-witz seit Mommsens Tod der größte lebende deutsche Gelehrte, schriebmeiner Frau: „Ich kann diese Zeilen nicht abgehen lassen, ohne Ihnen vonganzer Seele zu gratulieren zu den letzten Reden des Reichskanzlers. Erhat sich mit denselben selbst übertroffen. Ganz Europa bewundert ihn alsden Friedensstifter, und mit Recht. Und ich hoffe, seine große Staatskunstwird ihm auch in der inneren Pohtik, in der Reichsfinanzreform weiteregroße Erfolge sichern. Je schwieriger die innere Lage bei uns in Deutsch-land ist, je mehr das Parteigetriebe die Leitung der Reichspolitik erschwertund großen Reformen Hindernisse bereitet, desto unentbehrlicher ist FürstBülow für uns. Seine Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen undParteien ist ebenso groß wie seine Beredsamkeit, welche glücklichen Humormit der Höhe der Gesichtspunkte und der zwingenden Kraft durchschlagen-der Argumente verbindet."
Es war begreifbch, daß seit der Novemberkrisis von 1908, und insbe-sondere seitdem abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kol- Brief desportiert wurden, die Frage meiner Nachfolgerschaft diskutiert wurde. StatthaltersWährend mancher Ehrgeizige sich in dieser Richtung bemühte, erhielt ich ^ Ta f en Wedelvon dem Statthalter von Elsaß-Lothringen, dem damaligen Grafen,späteren Fürsten Karl Wedel einen Brief, den ich folgen lasse, weil er denlauteren Charakter, die vornehme Bescheidenheit und den Patriotismusdieses ausgezeichneten Mannes treu wiedergibt: „Mein beber Bülow! Dielangjährigen freundschaftlichen Beziehungen, die uns verknüpfen, geben
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