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eine Bürgschaft dafür, daß Sie mich nicht mißverstehen, wenn ich Ihnenganz offen mit einem Anliegen komme, das Ihnen im ersten Momentvielleicht eigenartig erscheinen mag. Ich hatte anfangs die Absicht, IhrenBruder Karl Ulrich als Vermittler in Anspruch zu nehmen, bei ruhigemNachdenken erscheint es mir indessen viel richtiger und einfacher, michvertrauensvoll an Sie direkt zu wenden. Ich erachte mich dazu sogar ver-pflichtet, da Sie wissen, daß ich Ihnen nicht nur in Freundschaft, sondernauch in aufrichtiger Dankbarkeit ergeben bin. Doch zur Sache, um Sienicht zu lange aufzuhalten. Verschiedene Blätter nennen mich seit einigerZeit unter denen, die berufen sein könnten, einmal Ihre Nachfolge anzu-treten. Darauf baute ich nicht, weil die Zeitungen viel dummes Zeugschwätzen. Auch auf privatem Wege sind Andeutungen in dieser Richtungan mich herangetreten. Dem lege ich ebensowenig Bedeutung bei, indem ichmich indifferent oder ablehnend verhalte. Was mich aber frappiert hat,ist, daß mir vor etlichen Monaten zugetragen wurde, Sie hätten die Absichtgeäußert, mich damals im Falle Ihres Abgangs zu Ihrem Nachfolger vorzu-schlagen. Im stillen hatte ich gehofft, daß Sie während unseres langen,intimen Tete-ä-tete im Januar mir eine bezügliche vertrauliche Andeutungmachen würden, da ich meinerseits ja aus begreif licher Diskretion die Fragenicht anrühren konnte. Wäre ersteres geschehen, so hätte ich mich Ihnengegenüber sofort vertraulich und offen ausgesprochen, und dieser Briefwäre gegenstandslos geworden. Vielleicht war ja übrigens jene Nachrichtüberhaupt falsch. Dann würde ich freilich die Prämisse verloren haben, dieAussprache aber bleibt mir trotzdem Bedürfnis. Ohne mich eines Mangelsan Bescheidenheit schuldig zu machen, glaube ich sagen zu dürfen, daß esmir an tiefem Pflichtgefühl und Patriotismus niemals gefehlt hat. Ich bindaher auch stets bereit, meinem kaiserlichen Herrn und meinem Vater-lande jedes Opfer zu bringen. Aber ich halte es ebenso für die vornehmstePflicht jedes reifen und ehrlichen Mannes, sich selbst zu erkennen undgewissenhaft zu prüfen. Ein Amt zu übernehmen, dem man sich nachinnerster, fester Uberzeugung nicht gewachsen fühlt, erachte ich für eineleichtfertige und unpatriotische Handlung, denn um Versuche oderExperimente zu wagen, dazu stehen zu hohe Güter auf dem Spiel. DasVertrauen anderer ist gewiß ein köstlich Ding, aber es verliert einen großenTeil seiner Bedeutung, wenn es nicht durch das Vertrauen auf das eigeneIch die unbedingt notwendige Ergänzung findet. Das Wollen reicht nichtaus, auf das Können kommt es an! Nun, da haben Sie meine Lage! Sapientisat! Wenn man mir also einmal den Kanzlerposten anbieten sollte, so würdemeine Antwort nach Pflicht und Gewissen ein unerschütterliches ,Nein' sein,auch wenn die Konsequenz der Verzicht auf mein jetziges Amt sein müßte.Mein Ehrgeiz ist längst befriedigt, und wenn ich auch noch arbeitsfähig