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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SEIN FREUNDESBRIEF

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und arbeitslustig bin, so würde doch das Bewußtsein, mit meinem Refuslediglich eine patriotische Pflicht erfüllt zu haben, mir den eventuell not-wendigen Rücktritt leicht machen. Daß jenes Anerbieten niemals anmich herantreten wird, hoffe und glaube ich zwar aus verschiedenen Grün-den, daß Sie aber gegebenenfalls dasselbe nicht anregen, ist der Zweck dieserZeilen, indem ich die inständige Bitte an Sie richte, von meiner Kandidaturein für allemal Abstand zu nehmen und mich nicht in die peinliche Not-wendigkeit einer kategorischen Ablehnung bringen zu wollen. Glücklicher-weise Hegt ja der Fall vorderhand noch auf rein hypothetischem Gebieteund wünsche ich von Herzen, daß Sie uns noch lange an der Spitze derReichsverwaltung erhalten bleiben, so schwer Sie auch manchmal unter denjetzigen Verhältnissen die Bürde des Amtes drücken mag. Daß gegen Sieintrigiert und an gewisser Stelle Stimmung gegen Sie gemacht wird, dashörte ich ja, und ebenso kann ich mir nach meiner Personalkenntnispsychologisch das Vorhandensein einer tiefen Gereiztheit wohl erklären.Aber das kann und wird sich ändern, besonders wenn Ihre Unentbehrlich-keit sich von neuem durch Erfolge dokumentiert und der zur Waffe ge-schmiedete Vorwurf lauer Vertretung bei längerer, ruhiger Erwägung dertatsächlichen Verhältnisse sich als haltlos verflüchtigt. Ganz objektivbetrachtet, hat ja der jetzige formelle Verkehr gute Früchte gezeitigt, dennseit Jahren haben wir uns nicht solcher Ruhe und Stetigkeit erfreut wie inden letzten Monaten, und das trotz der ernsten inneren und äußerenpolitischen Lage. Ich freue mich dessen als treuer Diener unseresHerrn und als Patriot, und zwar für Ihn wie für das Vaterland. Mitdem warmen Wunsche, daß Ihnen das große Werk der Finanz-reform gelingen und es Ihnen damit beschieden sein möge, dem Reichs-schiffe diejenige Festigkeit zu geben, deren es bedarf, um etwaige Stürmenicht nur nicht zu scheuen, sondern ihnen im Notfall auch erfolgreich zutrotzen, bin ich in alter Freundschaft Ihr treu ergebener Carl Wedel."

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