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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE CASABLANCA-AFFÄRE BEIGELEGT

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das ein kleines, aber dankbar empfundenes Pflaster auf die Wunde, welchedie von Seiner Majestät in Highcliffe über Japan gesprochenen bösen Wortedem Selbstgefühl der Japaner geschlagen hatten.

Mit meinem Dank für die Folgsamkeit Seiner Majestät in dieser Bezie-hung konnte ich dem Kaiser gleichzeitig melden, daß die sehr heikle Casa- Ausgleichs-blanca-Affäre nun auch in der Form völlig und endgültig beigelegt sei. Am Protokoll29. Mai hatten, wie bereits bemerkt, beide Regierungen in Berlin ein Pro- " sc ^tokoll unterzeichnet, in dem sie erklärten, daß jede, soweit sie betroffen sei, un(iihr Bedauern über das in dem Haager Schiedsspruch ihren Angestellten in Frankreich Casablanca zum Vorwurf gemachte Verhalten ausdrücke. Der befriedigendeAbschluß dieser Affäre war ein Beweis dafür, daß auch eine knifflickeStreitfrage, wo Recht und Unrecht schwer zu unterscheiden waren und beider die nationale Ehre mitspielte, auf schiedsgerichtlichem Wege beigelegtwerden konnte. Ich entsinne mich kaum einer Zeit, wo die deutsch -fran-zösischen Beziehungen so ruhig waren wie im Frühjahr 1909. Auf Ein-ladung des Zentralkomitees für eine Annäherung zwischen Deutschland undFrankreich hatte Ende April 1909 der französische Senator Baron d'Estour-nelles de Constant im Kaisersaal des Preußischen Herrenhauses einenVortrag über das Thema gehalten:Die deutsch -französische Annäherungals Grundlage des Weltfriedens". D'Estournelles de Constant war ein alterFreund von mir. Ich war ihm bei der schönen Reise begegnet, die ich einVierteljahrhundert früher als Erster Sekretär unserer Botschaft in Paris imLenz 1884 nach Tunis und Algier unternommen hatte. D'Estournelles deConstant hatte mir damals in liebenswürdiger Weise die Honneurs von Tunis gemacht, wo er als Legationssekretär bei dem französischen Minister-residenten tätig war. Wir waren uns später mehrmals wieder begegnet,zuletzt in Kiel bei der Entrevue, die dort 1904 zwischen Kaiser Wilhelm undKönig Eduard stattfand. Eduard VII. hatte Baron d'Estournelles mit-gebracht, den er seit der Zeit schätzte, wo dieser Sekretär der FranzösischenBotschaft in London gewesen war. D'Estournelles war ein überzeugterPazifist. Er wünschte Frieden zwischen England und Deutschland , Friedenin der ganzen Welt, vor allem Frieden und allmähliche, ganz allmähliche,mit Vorsicht und Takt anzubahnende Aussöhnung zwischen seinem Vater-lande und uns. Sein Vortrag im Herrenhaus war recht verständig. Ebensovernünftig sprach er sich aus, als er einen Tag später in kleinem Kreise beimir. Beim Abschied schenkte er mir ein mit Pariser Geschmack einge-bundenes Exemplar desChasseur vert" von Stendhal . Er kannte meineBewunderung für den großen Schriftsteller, der nicht nur seinem Vater-lande, sondern der Welt zwei Meisterwerke wieLe Rouge et le Noir " undLa chartreuse de Parme " geschenkt hat. DerChasseur vert" steht nochin meiner Bibliothek. Es ist das einzige, was von den Beziehungen zwischen