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EIN WUNSCH DES ZAREN
dem guten d'Estournelles de Constant und mir noch übriggeblieben ist.Als der Weltkrieg ausgebrochen war und wir Frankreich den Krieg erklärthatten, verwandelte sich d'Estournelles, wie alle französischen Pazifistenund wie dies jeder, der Frankreich und die Stärke des französischen Pa-triotismus kannte, nicht anders erwarten konnte, in einen leidenschaft-lichen Patrioten, der mit Begeisterung in den allgemeinen Kriegsruf ein-stimmte: „Aux armes, citoyens!"
Ungefähr um dieselbe Zeit, wo mein Freund d'Estournelles de ConstantTelegramm des seinen schönen Vortrag in Berlin hielt, hatte ich ein direktes TelegrammZaren an vom Kaiser Nikolaus erhalten, in dem er mir in ungewöhnlich warmenBülow Tff 0I t en mitteilte, daß er mir als Zeichen seines Vertrauens und seinesbesonderen Wohlwollens den Andreas-Orden mit Brillanten verleihe. Alsder russische Botschafter mir einige Tage später diese mit prächtigenDiamanten verzierte Dekoration überreichte, sagte er mir vertraulich, daßder Kaiser mit seiner Ordensverleihung noch einen besonderen Zweck ver-folge. Er habe selbstverständbch weder das Recht noch die Absicht, sich ininnerdeutsche Verhältnisse einzumischen. Er habe aber doch zum Ausdruckbringen wollen, wie sehr er im Interesse der guten Beziehungen zwischenbeiden Ländern und des europäischen Friedens wünsche, daß ich Reichs-kanzler bleiben möge. Deshalb habe er mir eine so ungewöhnliche Aus-zeichnung zuteil werden lassen. Mit einer ähnlichen Wendung hatte mü-der rumänische Gesandte um dieselbe Zeit den von König Carol vonRumänien kurz vorher gestifteten Carols-Orden überreicht, den der mirseit so lange freundlich gesinnte, weise Monarch mir als erstem Nicht-Souverän verlieh.
Aus Rom hatte mir schon während des Winters mein Freund Schor-lemer geschrieben, daß Pius X., dem er die Glückwünsche Wilhelms II.zum Bischofsjubiläum überbracht hatte, ihm mit sichtlicher Freude vondem Besuch gesprochen habe, den ich gemeinsam mit meiner Frau imFrühjahr 1908 dem Heiligen Vater abgestattet hatte. Es hieß in diesemBrief weiter: „Einen sehr angenehmen Eindruck hat mir der KardinalRampolla gemacht. Er sprach sehr erfreut davon, daß es Eurer Durchlauchtgelungen sei, die Novemberkrisis zu einem guten Abschluß zu bringen.Auch unter den übrigen Diplomaten, die ich bei dem spanischen und öster-reichischen Botschafter gesprochen habe, kam unverhohlen die Freude zumAusdruck, daß Eure Durchlaucht die Geschäfte des Reichskanzlers weiter-führen würden." Im Frühjahr schrieb mir Kardinal Kopp: „Daß EurerDurchlaucht die Reise nach Venedig eine wirkliche Erholung und Kräfti-gung gewesen sei, ist mein innigster Wunsch." Im Vatikan dauere dergünstige Eindruck fort, den mein vorjähriger Besuch dort hinterlassenhabe. Insbesondere sei Seine Heiligkeit über die Lage der katholischen