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DIE ERBANFALLSTEUER ABGELEHNT
vom Gesetzentwurf nichts mehr übrig sei und es also nicht zur drittenLesung kommen könne. Bei der nun folgenden Abstimmung über dieErb anfallsteuer stimmten die Nationalliberalen, Freisinnigen und Sozial-demokraten geschlossen für die Erbanfallsteuer, gegen sie geschlossenZentrum und Polen . Die Konservativen stimmten überwiegend mit „Nein".Ich möchte die Namen der Konservativen nennen, die für die Erbanfall-steuer stimmten und damit als Patrioten und Ehrenmänner das Staats-interesse über den engen Fraktionsstandpunkt stellten. Es waren die Abge-ordneten von Kaphengst, Fürst Hohenlohe-Oehringen, PauU (Potsdam ),Arnold (Reuß ä. L.) und zwei Sachsen: Wagner (Freiberg ) und Giese(Oschatz-Grimmen ). Von den Nationalliberalen drückten sich die Abge-ordneten Cornelius Heyl zu Herrnsheim und Graf Waldemar Oriola um dieAbstimmung, da sie sich persönlich alle Wege offenzuhalten wünschten undnirgends anstoßen wollten. Von der Wirtschaftlichen Vereinigung und derReformpartei stimmten die Antisemiten Liebermann von Sonnenberg ,Bindwald, Köhler und die beiden Brüder Vogt gegen mich. Die Erbanfall-steuer wurde mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt. Ich hatte während derRede des Abgeordneten Hertling den Saal verlassen. Ich ging zu Fuß durchden Tiergarten nach Hause. Ich fühlte mich frei von Erregung und Un-sicherheit. Der Mensch ist innerlich ruhig, wenn er mit sich selbst im reinenist:
„Denn Recht hat jeder eigene Charakter,
Der übereinstimmt mit sich seihst,
Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch"
sagt die Gräfin Terzky zu Wallenstein, dem Herzog von Friedland. DerWiderspruch ist aber nicht nur ein Unrecht, sondern auch die Quelle derUnsicherheit, Zerfahrenheit, kurz der Schwäche, d. h. der politischen Tod-sünde wider den Heiligen Geist.
Ich nahm den Weg durch den Tiergarten und freute mich, wie gut ge-halten er war. Ich freute mich an den schönen alten Bäumen, unter denensich wahre Riesen befinden, an den wohlgepflegten Blumenbeeten, an demhübschen See, der sich um die Rousseau-Insel schlängelt, über die ritter-lichen, schneidigen Offiziere, die auf schönen Pferden die Reitwege herunter-galoppierten. Ich freute mich auch über die Spaziergänger, denen ichbegegnete, die alle so gesund, wohlgenährt und kräftig ausschauten. Deutsch-land war doch ein kerngesundes Land mit seinen Buchen, Eichen und Lin-den, wie Heinrich Heine es gerühmt hatte. Zu Hause angekommen, fandich meine Frau in dem kleinen Gartensalon zu ebener Erde. Hier hatte dermusikfreundliche Fürst Anton Radziwill , der seinerzeit zu Goethes Freudedie Musik zum „Faust " komponierte, dem Klavierspiel und Gesang seiner