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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE ABSTIMMUNG

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auf anderem Wege zusammenfinden. Inzwischen würden die Konservativendas Erbschaftssteuergesetz mit großer Mehrheit ablehnen. Der Reichs-schatzsekretär Sydow antwortete in einer kurzen Rede, der einzigen guten,die er als Schatzsekretär gehalten hat: die Erbschaftssteuer sei die besteSteuer im ganzen Bukett der Regierung, man möge sie darum nicht zer-pflücken. Ausländern sei der ablehnende Standpunkt gegen die Erbschafts-steuer ganz unverständlich. Auch Deutschland würde sich an die Steuergewöhnen. Für die Reichspartei verlas Fürst Hermann Hatzfeldt, Herzogvon Trachenberg, eine windelweiche Erklärung, wonach seine Freunde ander Erbschaftssteuer zwar keinen Geschmack fänden, aber trotzdem mitwenigen Ausnahmen für sie stimmen würden, um einen letzten Versuch zumachen, die Finanzreform zur Verabschiedung zu bringen. Die Erklärungwar so formuliert, daß sie die allerdings bescheidenen Chancen des Herzogs,mein Nachfolger zu werden, mögbchst wenig schädigte.

Nun folgte Freiherr von Hertling.Das Zentrum hatte sein konservativstesMitglied vorgeschickt, um die Rechte zu beruhigen und zu gewinnen. Herrvon Hertling hatte keinen glücklichen Tag. Er begann seine Rede mit derBemerkung, in manchen Kreisen wäre das Gefühl verbreitet, daß derheutige Tag die Entscheidung sein würde für das Schicksal der Finanz-reform. Er wisse nicht, ob das richtig sei, denn die Zukunft wäre dunkel.Die von der Linken ertönenden ZurufeSehr richtig!" erweckten stür-mische, anhaltende Heiterkeit auf allen Bänken. Hertling machte weitermysteriöse Andeutungen, daß es sich nicht um eine einzelne Steuerfragehandle, sondern um einen grundsätzlichen und großen Machtkampf zwi-schen Rechts und Links. Damit wollte Hertling natürlich die Konservativengruselig machen. Die durch das Schwenken der Konservativen zum Zen-trum eingeleitete Entwicklung sollte aber tatsächlich ganz andere Wegegehen. Sie sollte zu einer Konstellation führen, bei der unter Ausschaltungder Konservativen das Zentrum der Dritte im Bunde mit Demokraten undSozialdemokraten wurde, zu einer Lage der Dinge, die es dem stärkstenMann im Zentrum, Herrn Wirth, ermöglichte, später von der Reichstags-tribüne die Parole auszugeben:Der Feind steht rechts." Als Hertling esdann für begreiflich erklärte, daß das Zentrum in dieser Frage auf Seitender preußischen Konservativen stünde, wurde ihm, wieder unter großerHeiterkeit, zugerufen:Nein, umgekehrt! Die Konservativen haben sichauf Ihre Seite gestellt." Der sozialdemokratische Redner, Dr. David, eineder sympathischen Figuren in der sozialdemokratischen Partei, ein feinerund geistvoller Kopf, hatte es nicht allzu schwer, die schwachen Argumentedes Freiherrn von Hertling zu zerpflücken.

Es kam die Abstimmung. Zunächst wurden Einleitung und Überschriftder Vorlage abgelehnt. Der Vizepräsident Dr. Paasche teilte mit, daß damit