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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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KEINE INTERVENTION BEI EDUARD VII .

Flottenfrage zusenden, der sich zugleich mit dem wertvollen Gedanken Ihrerletzten Briefe befassen wird. Heute möchte ich nur meinem großen Be-dauern Ausdruck geben über Ihren Entschluß, den die Zeitungen veröffent-lichen, daß Sie nach Durchführung der Finanzreform Ihr Amt niederlegenwollen. Ich hoffe immer noch, daß die Verhältnisse sich so gestalten werden,daß Ihr Entschluß rückgängig gemacht werden kann, obwohl die letzteNachricht, wonach Ihr Entschluß unwiderruflich sein soll, hierzu wenigAussicht läßt. Ich fürchte, daß nicht nur die unerquicklichen Partei-verhältnisse im Reichstag, sondern auch andere Umstände in den letztenTagen Sie dazu bewogen haben, Ihren Rücktritt ins Auge zu fassen. Ichmag mich hierin aber auch täuschen. Wenn ich wüßte, daß es politischnützlich wäre, so würde ich Lord Knollys gegenüber in Gesprächen betonen,daß Ihr etwaiger Rücktritt auch deshalb zu bedauern sei, weil Sie einerVerständigung auf dem Flottengebiet keineswegs abgeneigt seien. Ich werdein dieser Beziehung aber nichts unternehmen, ohne daß Sie mich dazuermutigen." Lord Knollys war ein Vertrauter, vielleicht der intimste Ver-traute des Königs Eduard. Ich habe den Botschafter sofort gebeten, in dervon ihm nach seiner Andeutung erwogenen Richtung keinerlei Schritte zuunternehmen, weil ich mein Bleiben oder Gehen nicht von irgendwelcherfremden Einwirkung abhängig machte.

Am 24. Juni 1909 fielen die Würfel. Im Namen der Konservativen ParteiEntscheidung eröffnete Herr von Richthofen die zweite Lesung des Erbschaftssteuer-im Reichstag gesetzentwurfes, der allmählich in den Vordergrund der Steuervorlagengetreten war. Heydebrand zog es vor, sich im Augenblick der Entscheidungnicht in den Vordergrund zu stellen, arbeitete aber um so eifriger hinter denKulissen. Karl Freiherr von Richthofen-Damsdorf war ein typischer Kon-servativer der alten Sorte: Rittergutsbesitzer , Korpsstudent, Rittmeister. der Reserve des Garde-Kürassier-Regiments, hintereinander Assessor,Regierungsrat und Oberregierungsrat, bewirtschaftete er sein schlesischesAhnengut und erfreute sich als Mitglied der Landwirtschaftskammer unddes Kreistages allgemeiner Achtung. Er hatte in den von mir geleitetenWahlen im schlesischen Wahlkreis Schweidnitz-Striegau den bisherigenVertreter, einen Sozialisten, verdrängt. Ich glaube kaum, daß Herr vonRichthofen innerlich mit der von Heydebrand eingeschlagenen Richtungeinverstanden war. Aber den deutschen politischen Traditionen undGepflogenheiten entsprechend, unterwarf er sich dem Willen des Partei-führers. Seine Rede war matt und farblos. Unter Gelächter der Linken er-klärte er, es sei niemals die Absicht der Konservativen gewesen, einenMinister zu stürzen, die Konservativen wollten lediglich eine Pflicht gegendas Vaterland erfüllen. Hoffentlich würden sich nach Ablehnung der Erb-schaftssteuer alle bürgerlichen Parteien zum Zustandebringen der Reform