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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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IM WAGEN MIT VALENTINI

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Bahn begleiten zu dürfen, und ich nahm ihn in meinem Wagen mit. Seinletztes Wort an mich war:Also lieber nicht! Es sei denn daß ..." AmBahnhof stand der Kabinettsrat Valentini. Er kam vom Kaiser, zu dem erunmittelbar nach der Abstimmung im Reichstag gefahren war, um dessenBefehle entgegenzunehmen. Wie viele verabschiedete Minister hatte seinVorgänger Lucanus während seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit in dieUnterwelt geleitet! Valentini war offenbar stolz darauf, daß er seine Tätig-keit als Führer zum Hades mit einem Reichskanzler beginnen sollte, wollteaber seines Amtes mit Milde walten. Er versicherte mich, als wir zusammenallein in einem Abteil Platz genommen hatten, daß er meinen Rücktrittlebhaft bedaure, namentlich im Hinblick auf die auswärtige Politik. Indieser Beziehung habe er große Sorgen. Er kam dann auf dieDaily-Telegraph"-Affäre zu sprechen. Sie sei nicht die Ursache der AllerhöchstenUnzufriedenheit mit mir. Der Kaiser wisse wohl, daß ich Allerhöchstihnnicht nur mitgroßartiger Geschicklichkeit" und mitbewunderungs-würdiger Ruhe und Energie" über den Sturm und die Krise weggebracht,sondern auch als wirklichtreuer Diener" gehandelt hätte. Aber meineinnere Politik seit dem Wahlsieg von 1907 hätte dem Kaiser wachsendesMißtrauen eingeflößt, ihn tief beunruhigt. Der Kaiser habe befürchtet, daßich dasstramm monarchische", das heißt persönliche, Regiment beseitigenund ein parlamentarisches Regime wie in England, Belgien, Italien ein-führen wolle.

Ich folge bei der Wiedergabe meiner Unterredung mit Valentini einerAufzeichnung, die ich am 27. Juni 1909 zu meinen Privatakten nahm. Icherwiderte Herrn von Valentini auf seine Andeutung hinsichtlich der Be-sorgnisse Seiner Majestät vor meinen parlamentarischen Neigungen:Einparlamentarisches Regime wie in England bei uns einführen zu wollen, istmir nie eingefallen, denn ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzungenhierfür bei uns fehlen. Ich wollte ebensowenig eine Regierungsweise wie inItalien, Belgien, Rumänien usw., denn ich weiß, daß darunter nicht nurunsere Verwaltung leiden würde, sondern auch die Armee, das ganze Staats-gefüge in Preußen , vielleicht selbst die Reichseinheit. Aber allerdings halteich eine stärkere Heranziehung von Parlamentariern für nützbch undwünschenswert, um auf diese Weise eine allmähliche und besonnene Par-lamentarisierung unserer Verhältnisse zu erreichen. Warum sollte nichtzum Beispiel in Preußen Spahn Justizminister werden? Schwerin -LöwitzLandwirtschaftsminister? Fischbeck Handelsminister? Der national-liberale Miquel ist ja auch Finanzminister geworden, und zwar ein sehrguter! Warum sollen wir nicht im Reich Bassermann zum Staatssekretärdes Reichsjustizamts machen? Heinrich Carolath oder Hertling zum Unter-staatssekretär im Auswärtigen Amt ? Gamp zum Minister der öffentlichen