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DAS DEMI SS IONS GESPRÄCH MIT WILHELM II.
Sie ja gewiß sehr einverstanden. Er ist treu wie Gold, ein Biedermanndurch und durch, ein kolossaler Arbeiter, auch sehr schneidig, er wird Mirden Reichstag aufmöbeln. Übrigens habe Ich bei ihm in Hohenfinow Meinenersten Rehbock geschossen." Ich: „Da Eurer Majestät Wahl schon ge-troffen ist, kann ich nur mit Hamlet sagen: The rest is silence." S. M.: „ImZitieren sind Sie immer noch großartig, aber machen Sie nicht ein soelegisches Gesicht. Setzen Sie Mir Ihre Bedenken auseinander. Ich bin zwarsehr eibg, weil Ich um ein Uhr bei dem Fürsten Monaco lunchen soll. AberSie höre Ich immer gern." Ich: „Für die innere Politik ist Bethmann wohlalles in allem der Beste. Die Linke wird er bei der Stange halten, das Zen-trum wieder heranziehen, die Konservativen sind ihm, soviel ich weiß,auch wohlgesinnt. Er versteht nur gar nichts von auswärtiger Pobtik."S. M. (lachend, heiter): „Die auswärtige Politik überlassen Sie nur Mir!Ich habe bei Ihnen einiges gelernt. Es wird schon gehen." Ich: „Das hoffeich. Aber Eure Majestät brauchen wenigstens als Amanuensis einen gutenStaatssekretär des Auswärtigen Amts. Schön ist unfähig." S. M.: „Er hatin der bosnischen Frage aber doch famos abgeschnitten, denke Ich."Ich: „Ja, unter mir." S. M. (zum erstenmal etwas gereizt): „Was unterIhnen ging, mein lieber Bülow, wird wohl auch unter Mir gehen." Ich:„Als Stütze und Hilfe für das auswärtige Ressort empfehle ich EurerMajestät Mühlberg oder Kiderlen." S. M.: „Die nehme Ich beide nicht."Ich: „Dann nehmen Eure Majestät Bernstorff. Der würde sich eventuellauch zum Reichskanzler eignen." S. M.: „Das will Ich Mir merken, Ich habeBernstorff sehr gern." Ich: „Ein begabter Mensch ist auch Brockdorff-Rantzau." S. M.: „Den nehme Ich nicht. Er ist ein Neffe von ThereseBrockdorff, der Oberhofmeisterin Meiner Frau, und Ich mag keine Ver-wandtschaften zwischen dem Auswärtigen Amt und Meinen Hofleuten."Ich: „Sachlich lege ich Eurer Majestät zwei Bitten ans Herz, sehr ernstund sehr dringend." S. M. (abwehrend, ungeduldig, sieht nach seiner Arm-banduhr): „Lieber Bernhard, Ich habe wirklich keine Zeit mehr." Ich:„Das tut mir leid. Ich werde mich aber bemühen, Extrakt zu reden, infliegender Eile, wie der arme Dietrich Hülsen zu sagen pflegte. Trachten Sie,zu einem Naval agreement mit England zu kommen." S. M. (sehr gereizt):„Nun kommen Sie Mir zum Schluß noch mit dieser Sache! Habe Ich Ihnennicht oft genug gesagt, mündbch und brieflich und in soundsoviel Margi-nalien, daß Ich Mir in Meine Schiffsbauten nicht hineinreden lasse! Jedersolche Vorschlag ist eine Demütigung für Mich und Meine Marine." Ich:„Ich habe Eurer Majestät nie zu etwas geraten, worunter unsere Ehre leidenkönnte. Aber eine so weitreichende und dabei schwierige Frage kann nichtvom Standpunkt des Paukkomments behandelt werden. (Seine Majestätrunzelt die Stirn.) Und dann! Wie soll unsere Ehre darunter leiden,