POLYKRATES
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wenn wir freiwillig, avec un beau geste, mit England zu einem Abkommengelangen, das mit der englischen Besorgnis vor dem Tempo unserer Schiffs-bauten die latente Kriegsgefahr verringert?" S. M. (mit großer Bestimmt-heit) : „Ich glaube nicht an eine solche Kriegsgefahr!" Der Kaiser blickte,während er so sprach, auf die seine „Hohenzollern " umgebende Kriegs-flotte. Indem er mit der Hand auf die gewaltigen Panzerschiffe deutete,rief er mit erhobener Stimme und mit stolz zurückgebogenem Haupte mirzu: „Wenn einer, wie Ich in diesem Moment, die Früchte seiner ehrlichenund sauern Mühen so unmittelbar vor Augen hat, dann darf er wohl eingewisses Selbstgefühl betätigen." Ich mußte an Schillers Polykrates denken,der von seines Daches Zinnen auf Samos schaute mit vergnügten Sinnen.Ich erwiderte: „Auch ich glaube nicht, daß England von heute auf morgenüber uns herfallen wird wie seinerzeit Nelson über Kopenhagen und diekleine dänische Flotte. Was ich glaube, ist, daß, wenn wir unseren Schiffs-bau forcieren — ich unterstreiche das Wort: forcieren! — ein durch dasTempo unserer Bauten schließlich allzu sehr beunruhigtes und gereiztesEngland sich gegen uns wenden wird, falls irgendeine größere Kompbkationihm dazu Gelegenheit bietet." S. M.: „Ich will Mich doch im guten und inFrieden von Ihnen trennen, lieber Bülow, warum kommen Sie auf diesenalten Streitpunkt zurück ?" Ich: „Weil die Gelegenheit für eine Verständi-gung mit England gerade jetzt günstig liegt. Mein Rücktritt, ein neuerReichskanzler, das gibt a new departure. Auch kann es jetzt nicht so aus-sehen, als ob wir deshalb über das Tempo unserer Schiffsbauten mit unsreden ließen, weil uns der finanzielle Atem ausginge. Unsere Kassen sindwieder voll." S. M.: „Ich kann und will John Bull nicht erlauben, Mir dasTempo Meiner Schiffsbauten vorzuschreiben!" Ich: „Es handelt sich jagar nicht um ein Vorschreiben, um ein Diktat, auch nicht um einen Zwang,sondern um ein freiwilliges und freundliches Arrangement." S. M. (sehrungeduldig): „Das sind Wortspielereien! Ich bitte Sie noch einmal, hörenSie damit endlich auf. Wir wollen uns doch im guten trennen, nicht wahr ?"Ich: „Dixi et salvavi animam meam." S. M.: „Schon wieder ein Zitat!Nun, und wie ist es mit der zweiten Ermahnung des großen Pädagogen?"Ich: „Wiederholen Sie nicht die bosnische Aktion." S. M. (mißtrauisch):„Die war aber doch ein Triumph für Sie!" Ich: „Die Situationen wieder-holen sich in der auswärtigen Politik selten in ganz gleicher Weise. Imvorigen Winter lagen die Dinge, wie sie kaum je wieder hegen werden.Ne bis in idem!" S. M. (wieder heiter, freundlich): „Sie zitieren zum Schlußaber noch gewaltig. Das wenigstens macht Ihnen keiner nach. Also, Siemeinen, Ich soll auf dem Balkan vorsichtig sein?" Ich: „Ja, dort noch mehrals anderswo. Dort hegt die Gefahr. Denken Eure Majestät, bitte, an alles,was Bismarck in dieser Beziehung gesagt, geschrieben, gewarnt hat.
33 Bülow II