ES RÖCHE NACH PARLAMENTARISMUS
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le front haut. Je vous en fais mon compliment." Es berührte mich'eigen-tümlich, daß bei dieser Henkersmahlzeit für den preußischen Minister-präsidenten und deutschen Reichskanzler außer Seiner Majestät, mir unddem diensttuenden Flügeladjutanten nur Franzosen zugegen waren.
Als ich mich auf der „Alice" vom Kaiser verabschiedete, um auf die„Hohenzollern " zurückzukehren, fand ich dort den General von Plessenund den Kabinettsrat Valentini. Plessen sagte mir: „Sie wissen, wie lebhaftich Ihr Bleiben gewünscht habe. Aber jetzt sage ich Ihnen: Sie haben recht,zu gehen. Das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Kaiser ist unhaltbargeworden. Aber alles, was recht ist: Sie haben bis zuletzt famos die Hal-tung gewahrt." Valentini frug mich, ob er mich zur Bahn begleiten dürfe.Unterwegs erkundigte er sich, ob der Kaiser mir mitgeteilt hätte, daß erBethmann Hollweg als meinen Nachfolger in Aussicht genommen habe.Als ich diese Frage bejahte, meinte Valentini mit entschiedener und nach-drücklicher Betonung: „Bethmann ist auch weitaus der Beste, darüber kannkein Zweifel sein." Bethmann und Valentini waren intime Freunde. Wennich nicht irre, hatten sie zusammen studiert. Darüber beruhigt, daß dieNachfolge von Bethmann Hollweg endgültig gesichert war, frug Valentini,ob ich mich nicht entschließen könne, bis zum Herbst zu bleiben. Natürlichmüsse ich in diesem Faß vor Reichstag und Land die Verantwortung für dieReichsfinanzreform in der Fassung übernehmen, wie sie ihr von Konserva-tiven und Zentrum gegeben worden wäre. Die Zumutung war naiv und zeigteden Mangel an staatsmännischem Denken, der Valentini charakterisierte.Ich erklärte ihm, daß mir dies nicht möglich wäre. Ich sei der Meinung, daßdie Ausmerzung der Erbschaftssteuer wie die Sprengung des Blocks in derWeise, wie sie von den Konservativen vorgenommen wurde, verhängnis-volle Fehler seien. Diese meine Uberzeugung könne ich nicht verleugnen.Nach meiner Ansicht müsse ein Minister mit seiner Überzeugung stehenoder fallen. Valentini schien enttäuscht und betrübt, daß ich nicht auf seinenWunsch eingehen wollte. Ich sagte Valentini expressis verbis, ich hättenicht Friktionen mit Seiner Majestät und die mir neuerdings immer un-gnädiger gewordene Stimmung Seiner Majestät als Grund meines Rück-tritts hinstellen wollen, sondern die Verwerfung der Erbschaftssteuer unterSprengung des Blocks. Valentini meinte, letzteres wäre sicherlich besser,viel besser als Rücktritt wegen Zerwürfnis mit dem Kaiser, aber das eigent-lich Wünschenswerte sei es nicht, denn es röche nach Parlamentarismus.Ich möge die von der neuen Reichstagsmehrheit angebotenen Millionennehmen und bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags bleiben, das seidie einzig richtige Lösung. Sie würde auch von meinem Nachfolger Beth-mann Hollweg gewünscht, der sein schweres Amt erst im Spätherbst an-treten möchte. Gegenüber dem fortgesetzten Insistieren von Valentini und
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