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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MARSCH HINAUS!

brand ist verrückt. Nun wollen wir aber ein ernstes Wort miteinanderreden. Sie müssen nicht glauben, daß die Erbschaftssteuer oder der BlockBernhard gestürzt haben. Den wahren Grund müssen Sie in den November-ereignissen suchen. Sehen Sie, die Herren haben Mich unter der Hand wissenlassen, daß sie sich in die Erbschaftssteuer hineingefunden hätten. Aber siehaben ihn gestürzt, weil sie gefunden haben, daß er seinen kaiserlichenHerrn nicht genug verteidigt hätte.' Ich: ,Aber, Majestät, die Konser-vativen waren ja am schroffsten im November und haben ja die Adressegemacht.' (Damit meinte meine Frau die am 6. November 1908, vier Tagevor der Beichstagsdebatte, von derKonservativen Korrespondenz" undderKreuz-Zeitung " veröffentlichte, sehr scharfe parteioffizielle Kund-gebung gegen die unvorsichtigen Äußerungen des Kaisers auf dem Gebietder auswärtigen Politik.) S. M.: ,Na, das gehört auf ein anderes Brett. DieHerren werde Ich Mir noch kommen lassen und ihnen gehörig den Kopfwaschen.' Ich: ,Majestät, ich bin keine Politikerin, aber das eine weiß ich,und ich schwöre darauf, daß Bernhard Eurer Majestät mit Leib und Seeleergeben ist. Er hat seit zwölf Jahren keinen anderen Gedanken gehabt, alsIhnen treu zu dienen. Im November hat er schwer gelitten, er hat sich Tagund Nacht gewissenhaft überlegt, wie er Eure Majestät retten könnte unddas Verhältnis zwischen Eurer Majestät und der Nation wiederherstellen.Das ist ihm gelungen, und Eure Majestät stehen wieder hochverehrt da.'S. M.: , Jawohl, Ich stehe hoch da, weil die Leute einsehen, daß sie MirUnrecht getan haben.' Ich: ,Aber was finden Eure Majestät, das Bernhardim Novembersturm hätte tun sollen?' S. M.: ,Er hätte im Beichstag auf-stehen und erklären müssen: Ich verbitte mir eine solche unverschämteSprache gegen den kaiserlichen Herrn. Wie untersteht ihr euch, so zusprechen ? Marsch, hinaus! Bernhard hätte sich mit Mir solidarisch erklärenmüssen. Er wußte genau, was imDaily Telegraph " stand. Ich habe es ihmgeschrieben aus Highcliffe.' Ich: ,Aber Bernhard hat einen solchen Brief nieerhalten.' S. M.: ,Wenn Ich ihm nicht geschrieben habe, so habe Ich es ihmgesagt. Ich kann Ihnen den Baum in Ihrem Garten zeigen, wo Ich es ihmsagte.' Ich: ,Majestät sind in diesem Winter gegen Bernhard gehetztworden. Die Konservativen haben die Erbschaftssteuer nicht zahlenwollen. Als sie aber bemerkten, daß sie dies unpopulär machte, haben sie esso gedreht, als ob es wegen der Novemberereignisse gewesen wäre, und habenBernhard gestürzt. Das Zentrum hat sich natürlicherweise für die Auflösungrächen wollen. Aber es ist unmöglich, daß Eure Majestät auf diese Intrigen,Klatschereien und Verdrehungen 'reinfallen. Sie kennen Bernhard seitvielen Jahren, und es ist nicht möglich, daß Eure Majestät diesen treuenDiener und diesen glühenden Patrioten vor Intrigen und Parteihaß ver-dächtigen können. Es wäre zu traurig, wenn elende Intrigen so triumphierne