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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BERNHARD HAT GEHEN WOLLEN

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bewahren.Ich sage Ihnen Lebewohl mit dem Wunsch und mit der Zuver-sicht, daß das Auswärtige Amt, den Blick gerichtet auf die mahnendeGestalt des größten deutschen Mannes, des ersten deutschen Reichskanzlers,der ihm seinen Stempel aufgedrückt hat, stets auf dem Posten bleiben wirdfür Deutschlands Interessen, für Ehre und Wohlfahrt unseres Volkes, fürKaiser und Reich." Diese meine Zuversicht ist zu meinem tiefsten Schmerznicht in Erfüllung gegangen. Unter Schön, der sich nach meinem Rücktrittnicht mehr beaufsichtigt fühlte, verbummelte das Amt. Durch Kiderlenkam zeitweise wieder ein besserer Zug in die Behörde. Unter Jagow alsStaatssekretär wurde das Auswärtige Amt trotz der Gewissenhaftigkeitund Pflichttreue des gediegenen Unterstaatssekretärs Zimmermann dieeigentliche Brutstätte der unheilvollen Politik, die mit dem Ultimatuman Serbien eingeleitet wurde und Deutschland ins Verderben führte.

Am 15. Juli aßen die Majestäten ein letztes Mal bei uns. Sie hattenspontan den Wunsch ausgesprochen, noch einmal meine Gäste zu sein. Wilhelm II. Meine Frau kam dadurch in eine nicht ganz leichte Lage, da Silberzeug, Bülows GastLivreen usw. für unsere Übersiedlung nach Rom , wo sie in ihrer liebevollenund umsichtigen Weise schon 1904 für den Ankauf eines Tuskulums, derVilla Malta, gesorgt hatte, sowie nach Norderney und Flottbek zum Teilschon eingepackt waren. Der Kaiser erschien mit einem prachtvollenBlümenbukett, das er meiner Frau mit den Worten überreichte:DieseRosen habe ich heute früh bei meinem Morgenspaziergang in der Tiergarten-straße bei Rothe gekauft, um sie Ihnen zu Füßen zu legen." Gleichzeitigübergab er ihr ein schönes goldenes Armband mit seinem Porträt aufEmaille von hübschen Brillanten umgeben. Der Kaiser sah sehr vergnügt,die Kaiserin traurig aus. Unmittelbar nachdem der Kaiser meiner Fraudas Bracelet überreicht hatte, führte er mit ihr die nachstehende Unter-redung, die meine Frau noch an demselben Abend in ihr Tagebuch eintrug.Ich gebe diese Aufzeichnung wortgetreu wieder mit ihren kleinen stilisti-schen Unebenheiten:Seine Majestät: ,Nun, das ist also das Abschieds-diner. Was sagen Sie dazu?' Ich: ,Ich bin sehr traurig, mich von EurerMajestät zu trennen, und bedanke mich herzlich für alle Güte, die EureMajestät und die Kaiserin für mich gehabt haben während der zwölf Jahremeines Aufenthalts in Berlin .' S. M.: ,Ich bin viel trauriger als Sie. Ichhabe Mich lange genug mit Händen und Füßen gesträubt, aber Bernhardhat gehen wollen.' Ich: ,Er ist gegangen, weil er überzeugt war, nicht mehrEurer Majestät nützlich zu sein. Der Reichstag hat die Erbschaftssteuerabgelehnt. Der Block ist zersprengt. Unter solchen Umständen konnteBernhard nicht bleiben.' S. M.: ,Ja, der Reichstag ist fuchswild. So etwasist Mir in Meiner ganzen Regierung nicht vorgekommen.' Ich: ,Herr vonHeydebrand hat die Konservativen so bockbeinig geführt.' S. M.: ,Heyde-