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LETZTE DINERS
einen Handlanger und Pygmäen genannt und mit Zerschmetterung be-droht hatte: „Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant" hatte Bismarck anden Rand des Zeitungsausschnittes geschrieben, in dem diese Schmähungenwiedergegeben worden waren. Und ich dachte auch an die alte weise KöniginVictoria , die ihren ältesten Enkel „an overgrown schoolboy" genannt hatte.Um meine Gedanken von solchen unerquicklichen Eindrücken abzulenken,ging ich vom „Grünen Hut", dem Schauplatz meiner Abschiedsaudienz,zu Fuß nach Hause. Ich blickte auf das Reiterstandbild des Großen Kur-fürsten. Mit ihm hatte der Heldengang der brandenburgisch-preußischenGeschichte begonnen. Ich ging vorbei an den Denkmälern der Generälevon 1813, an den Monumenten von Blücher, Gneisenau, Bülow-Dennewitz,Yorck, von Scharnhorst, vielleicht dem edelsten von allen. Ich blickte emporzu dem Eckfenster, an dem in den letzten Jahren seiner gesegneten Re-gierung unser guter alter Kaiser sich zu zeigen pflegte, ich blickte auf dasherrliche Denkmal des großen Königs. Ich schaute nach dem schlichtenPalais, in dem so viele Jahre der ritterliche Held und Sieger von Wörth,unser lieber Kaiser Friedrich , gewohnt hatte. Ich ging weiter bis zumBrandenburger Tor , durch das dreimal in sieben Jahren das siegreichepreußische Heer eingezogen war, auf dem die Quadriga steht, die 1814aus Paris zurückgeholt worden ist, nachdem die Franzosen sie uns ge-stohlen hatten. Ich ging die Wilhelmstraße hinauf, wo schräg gegenüberdem Hause, in dem Bismarck das Reich schuf, die Helden des Sieben-jährigen Krieges unsterblichen Ruhm verkörpern. Die Erinnerung an eineso große Vergangenheit klärte und beruhigte mein erregtes Inneres.
Obwohl weder mir noch meiner Frau danach zumute war, Feste zuveranstalten, so wollte ich doch mein Amt nicht verlassen, ohne meineMitarbeiter noch einmal bei mir zu sehen.
Am 6. Juli hatte ich die preußischen Staatsminister und die Mitglieder desAbschied Bundesrats zu einem Diner von achtundvierzig Kuverts vereinigt, am 10. JuKvon den lud ich die Herren vom Auswärtigen Amt zu einem Essen, zu dem zweiund-Mitarbeitern fünfcjg Einladungen ergangen waren. Ich legte Wert darauf, zu diesem Essenauch die Subalternbeamten einzuladen, die mich so viele Jahre mit immergleicher Pflichttreue und Hingebung unterstützt hatten. Auf eine Ansprachedes Staatssekretärs von Schön erwiderte ich mit einer Rede, in der ich andie alten und engen Beziehungen erinnerte, die mich mit dem AuswärtigenAmt verbänden. Vor mehr als einem Menschenalter, vor sechsunddreißigJahren sei ich als vierundzwanzigj ähriger Attache in das Amt eingetreten,an dessen Spitze damals als Staatssekretär des Äußern mein seliger Vatergestanden habe. Zwei Jahrzehnte später sei ich selbst Staatssekretärgeworden. Von Jugend auf mit dem Auswärtigen Amt verwachsen, dankeich jedem einzelnen und bitte alle, mir ein freundliches Andenken zu