BÜLOW„FAST EIN TROTTEL
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Als der Kaiser mich entließ, traf ich im Vorzimmer die Vertreter vonBayern, Württemberg , Sachsen und Baden. Von einem dieser Herrenwurde mir am nächsten Tage erzählt, daß der Kaiser ihm und seinen Kol-legen einen „sehr krausen" Vortrag gehalten hätte. Er habe sich von mirtrennen müssen, weil ich mein Gedächtnis völlig verloren hätte. Ich hättebisweilen nicht mehr gewußt, was ich am Tage vorher gesagt hätte. Ich seiganz konfus geworden „und fast ein Trottel". Er wolle das in gnädiger An-erkennung gewisser früherer Verdienste auf Überarbeitung zurückführenund habe es deshalb für seine „Christenpflicht" gehalten, mir den Übergangin das Privatleben zu erleichtern. Übrigens hätte ich ihm ganz unerhörtePersonalvorschläge gemacht. Ich hätte z. B. verlangt, daß ein gewisserHerr vom Rath, ein früherer Privatsekretär von Herbert Bismarck , einversoffener Spieler, Botschafter werden solle. Die Behauptung von meinerGedächtnisschwäche war absurd. Was Herrn vom Rath betrifft, so war erin der Tat als Legationssekretär dem Staatssekretär Herbert Bismarck fürbesondere Aufträge zugeteilt gewesen. Wie sein damabger Chef, liebte Ratheinen guten Tropfen. Er hat auch einmal in Bukarest oder Belgrad , ichentsinne mich nicht mehr genau, bei einem Bridge oder Ecarte eine größereSumme verloren, sie aber, da er wohlhabend war, sofort ausgezahlt. Ichhatte nie für ihn an eine Botschaft gedacht, geschweige denn ihn für einesolche in Vorschlag gebracht. Ich hatte ihn überhaupt seit genau zweiund-zwanzig Jahren nicht mehr erblickt. Er hatte aber unsere auswärtige Politikwährend der bosnischen Krisis durch einige gut geschriebene Artikel inWiener und Hamburger Blättern unterstützt. In Anerkennung diesesDienstes hatte das Auswärtige Amt vorgeschlagen, ihm, der bis dahinLagationsrat gewesen war, den Charakter als Ministerresident zu verleihen.Ich hatte den betreffenden Bericht an Seine Majestät, der noch eine ganzeAnzahl ähnlicher bescheidener Auszeichnungen an verdiente Beamte,auch an solche des mittleren Dienstes, enthielt, natürbch anstandslosunterzeichnet. Wenn ich denke, daß eine solche Lappalie als Entschuldi-gung für die Haltung Seiner Majestät mir gegenüber herangezogen wurde,so kann ich nur noch einmal mit Goethe wiederholen: „Bei der größtenWahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft gebensoll, immer ins Gedränge. Er will einen Begriff davon überbefern, und somacht er es schon zu etwas, da es eigentbch ein Nichts ist, welches für etwasgehalten werden will."
Mit einem Gefühl der Erbitterung schied ich aus dieser Abschieds-audienz. Haltung und Ton des Kaisers waren die eines schlecht erzogenenKnaben gewesen. Ich gedachte jenes lateinischen Spruchs, mit demsiebzehn Jahre früher Fürst Bismarck seine Meinung über die Reden ge-äußert hatte, in denen der Kaiser ihn, den so großen und gewaltigen Mann,