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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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DIE GESTÖRTEN SOMMERPLÄNE DES KAISERS

und sich darüber gefreut hat, kann ich nicht sagen. Das HotelZum Königvon Portugal " verdankte übrigens seine Entstehung der Gnade des Kur-fürsten Friedrich III., des nachmaligen ersten Königs in Preußen . Derbewilligte einer ehrsamen Berliner Witwe, einer Frau Hammerstein, einBaudarlehn von zweitausend Talern, für damalige Verhältnisse eine er-kleckliche Summe. Weshalb diese Munifizenz ? Frau Hammerstein war dieWitwe des langjährigen Geheimen Kammerdieners des großen Kurfürsten.Der älteste Berliner Gasthof verdankt seine Entstehung einem schönen Aktder Pietät gegenüber einem großen Fürsten. Das hat auch dem Hotel Glückgebracht. In seinen Mauern hat Gotthold Ephraim Lessing gewohnt. Hierspielt die Handlung derMinna von Barnhelm ". Hier entstand auch eineder reizendsten Novellen von Hauff:Die Sängerin". E. T. A. HofFmannzechte abwechselnd bei Lutter und Wegener und imKönig von Portugal".Hier hat König Friedrich Wilhelm IV. oft vorgesprochen, sich sein Lieb-lingsgericht, Sauerkraut mit Würstchen, eine echt Berliner Speise, vor-setzen lassen und dazu einekühle Blonde", ein Glas Weißbier. Die Sagegeht, daß Friedrich Wilhelm IV. einmal beim Verlassen desKönigs vonPortugal" von einem respektlosen wütenden Bullen angegriffen wordensei, vor dessen Stößen er sich nur durch schleunige Flucht gerettet habe.Nahe der lärmenden Königsstraße, macht derKönig von Portugal" einensehr gemütlichen Eindruck. Uber seiner Eingangstür steht die Inschrift:Freyhaus". Rechts und links von der Tür steht:Festsäle, Fein- undStadtküche".

Dieses Idyll der Ruhe und Behaglichkeit, ein Idyll aus der Biedermeier-zeit, hatte ich vor Augen, als ich als verabschiedeter Reichskanzler undMinisterpräsident vor Wilhelm II. trat. Hätte ich mich nicht ohnehin ingefaßter, ruhiger und sicherer Stimmung und Haltung befunden, so würdeder Anblick des demGrünen Hut" gegenüberliegendenKönigs vonPortugal" mich kalmiert haben. Im Gegensatz zu mir war der Kaisernervös, unwirsch und kurz angebunden. Er habe an diesem Tage noch vieleAudienzen zu erteilen. Insbesondere müsse er den Vertretern der größerenBundesstaaten den Kanzlerwechsel erklären, den sie vorläufig noch nichtzu begreifen schienen. Übrigens sei es unerhört, wie sehr seine Sommerplänedurch die plötzlich ausgebrochene Krisis gestört würden. Er würde seineNordlandreise später antreten müssen als er dies ursprünglich in Aussichtgenommen hätte. Das wäre ihm sehr, aber sehr unangenehm! Das hätte ererst vor einer Stunde an seinen Freund, den Erzherzog Franz Ferdinand geschrieben, der das Glück habe, ein freier Mann zu sein. Der Kaiser entbeßmich mit den Worten:Die Kaiserin möchte gern noch einmal bei Ihnenessen. Sorgen Sie dafür, daß Ihr berühmter Koch alle seine Künste auf-bietet."