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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BEI TISCH UND NACHHER

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sollen.' S. M.: ,Wenn Sie sich orientieren wollen, so rate Ich Ihnen, dasBuch von Martin zu lesen. Aber Ich verstehe wenig von allen politischenTreibereien und Sie noch weniger. Gehen wir jetzt zu Tisch.'"

Ich saß dem Kaiser gegenüber, links von mir in einiger EntfernungProfessor Theodor Schiemann , den der Kaiser an die Spitze der einzu-ladenden Gäste gesetzt hatte. Während des Essens wandte sich Schiemanndirekt an den Kaiser mit den Worten:Eure Majestät können mir glauben.Die Engländer sind feige!" Schiemann, der einen ausgesprochen baltischenAkzent hatte, sprach das letztgenannte Wort aus wiefaije". Der Kaisermachte ein verlegenes Gesicht. Ich sagte zu Schiemann:Man kann denEngländern manchen Vorwurf machen, man kann sagen, daß sie zu Selbst-sucht, zu Hochmut, bisweilen auch zu Brutalität und Heuchelei neigen,aber Feigheit kann man ihnen wirklich nicht vorwerfen. Sie haben in allenihren Kriegen zu Lande wie zu Wasser, von Malplaquet bis Waterloo undTrafalgar und bis zum Burenkrieg, von Marlborough, Nelson und Welling-ton bis zu Sir Henry Havelock und Lord Roberts große Tapferkeit undZähigkeit an den Tag gelegt." Schiemann schwieg sehr pikiert. Bald nach-her fing er wieder an:Majestät, ich habe erfreuliche und ganz sichereNachrichten. Das englische Reich kracht in allen Fugen. In Südafrikabereitet sich ein großer Burenaufstand vor, Kanada will sich an die Ver-einigten Staaten anschließen, Australien sich unabhängig erklären. InIndien gärt es ganz gewaltig. Das englische Weltreich bricht auseinander."Der Kaiser sah nach einer anderen Seite. Ich sagte, nicht ohne Schärfe, zuSchiemann:Ich bedaure aus vielen Gründen, mich von Seiner Majestätzu trennen. Aber wenn ich solchen Unsinn anhören muß wie die Phan-tastereien, die Sie uns da eben vorsetzten, so bedaure ich doppelt, nichtmehr in der Nähe Seiner Majestät zu weilen." Schiemann bekam einenfeuerroten Kopf. Nach Tisch näherte sich mir die Kaiserin und sagte mir:Ich habe mich so gefreut, daß Sie diesem gräßlichen Schiemann auf dieFinger geklopft haben. Solche Leute sind Gift für den Kaiser, der mitseinem guten Herzen und seinem edlen Sinn viel zu sehr auf sie hört.Schiemann ist so entsetzlich aufdringlich! Cissy (so wurde in der kaiser-Uchen Familie die Prinzessin Viktoria Luise , die spätere Herzogin vonBraunschweig, genannt) sagt immer: ,Professor Schiemann läuft hinterPapa her wie ein Bräutigam hinter seiner Braut.' Ich habe Cissy gesagt,ein kleines Mädchen brauche gar nicht zu wissen, wie ein Bräutigam hinterseiner Braut herläuft." Die Kaiserin setzte nach einer kleinen Pause hinzu:Aber seien Sie auf Ihrer Hut mit Schiemann. Er sah so giftig aus, als Sieihn zurechtwiesen."

Nach Tisch zog die Kaiserin meine Frau in ein längeres Gespräch. Inihrer gütigen und wahrhaften Art bat sie meine Frau, nicht zu vergessen,