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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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WETTERFAHNEN

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laucht treuer und gehorsamster Kiderlen." Auch die alte, innige und un-wandelbare Anhängüchkeit und Verehrung des treu gehorsamsten Kiderlenhielt nicht allzu lange vor. Aus seinen nach seinem Ableben publiziertenBriefen an Frau Kypke war zu ersehen, wie er sich von mir ab- und gegenmich wandte, als es ihm sicher schien, daß ich an Allerhöchster Stelle ganzund endgültig in Ungnade gefallen sei. Ich möchte ausdrücklich betonen,daß solches Abrücken von gestürzten Größen nicht etwa nur mir wider-fuhr. Welche Erfahrungen mußte in dieser Beziehung Fürst Bismarck machen! Er sei, hat der größte aller Kanzler in seinen Briefen und nochmehr in seinen mündlichen Äußerungen geklagt, nach seinem Rücktritt vonvielen seiner früheren Freunde, Anhänger und namentlich Untergebenenwie ein Pestkranker" gemieden worden. Um seinem ältesten Sohn, demeinst umschmeichelten Staatssekretär Graf Herbert, nicht Unter denLinden zu begegnen, hättemancher Lumpenhund" einen weiten Umweggemacht. In Frankreich wurde in den dreißiger Jahren des vorigen Jahr-hunderts unter dem TitelDictionnaire des Girouettes" (Wörterbuch derWetterfahnen) ein Lexikon veröffentlicht, das alle diejenigen Männer desöffentlichen Lebens aufführte, die seit 1788 ihre Ansichten, Uberzeugungenund dementsprechend ihre Beziehungen und Freundschaften gewechselthatten. Es war ein stattlicher Band.

Ich konnte aber auch unter meinen Untergebenen auf erfreuliche Aus-nahmen blicken. Der Botschafter von Radowitz, der mir einst ein strengerVorgesetzter, dann ein folgsamer und eifriger Untergebener gewesen war,wahrte den Anstand und telegraphierte mir:Eure Durchlaucht wollen mirgestatten, den Ausdruck aufrichtiger Verehrung und größter Dankbarkeitfür mir stets bewiesenes Wohlwollen darzubringen. Wir senden innigsteWünsche für Eurer Durchlaucht und der Frau Fürstin ferneres Wohl-ergehen."

Wer aus einem Amte scheidet, das wie das des Reichskanzlers seinemTräger das dienstliche Wohl und Wehe, die Hoffnungen und Zukunft dernach- und untergeordneten Beamten in die Hand gibt, erlebt natürlichallerlei Unerfreuliches. Das war, wie gesagt, zu allen Zeiten und in allenLändern so. Es ist kein Grund zur Verwunderung, noch weniger zu mora-lischer Entrüstung, daß der Träger eines solchen Amtes mehr von Strebereiumwedelt als von Treue umgeben ist. Homines sumus. Einige der Herrenaber, die der Dienst mir nähergebracht hatte, haben das normale Maß vonUndankbarkeit, das bei derartigen Anlässen oft zu beobachten ist, erheb-lich überschritten. Ihre Fälle sind nicht typisch, aber lehrreich.

An erster Stelle steht hier Gottlieb Jagow . Während meiner Bot-schafterzeit, es muß 1895 gewesen sein, erhielt ich einen Brief von einem Gottliebalten und braven Regimentskameraden, Hermann Jagow, der damals schon von J a g° w

3 Bülow in