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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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ITALIENISCHE LANDSCHAFT

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Sie sangen von Marmorbildcrn,Von Gärten, die überm GesteinIn dämmernden Lauben verwildern,Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,Wenn der Lauten Klang erwacht,Und die Brunnen verschlafen rauschenIn der prächtigen Sommernacht.

Eichendorff, der die italienische Schönheit so tief und innig erfaßt hat,war nie jenseits der Alpen, wie ja auch Schiller den von ihm verherrlichtenVierwaldstätter See nicht mit leiblichem Auge sah. Ich ritt hinauf zumGianicolo, zum Kloster St. Onofrio und zu der alten Steineiche vor demKloster, unter der Tasso saß und schwermütig auf die Stadt herabblickte,wo man einen großen Teil der Herrlichkeit dieser "Welt sieht und zugleich,daß nichts ewig dauert:

Cadono la cittä, cadono i regni

E l'uom, d'esser mortal, per che si sdegni?

Ich ritt am Tiber , der mehr gesehen und mehr erlebt hat als irgendeinanderer Fluß und der doch noch ebenso ruhig fließt wie in den Tagen derAeneis :

Leni fluit agmine Thybris.

Fast jeden Morgen unternahm ich einen zweistündigen Ritt. Ich rittviel mit dem französischen Botschafter Camille Barrere , mit dem ich Ausritte mitseit meiner Pariser Zeit, seit dreißig Jahren, befreundet war. Der Weltkrieg Barrirehat mich seitdem von Barrere wie von zwei anderen Pariser Freunden, denBrüdern Paul und Jules Cambon , für immer getrennt. Am liebsten ritt ichdie Straße, die Goethe so oft zu Fuß zurückgelegt hat, nach dem PonteMolle und von da nach der Acqua acetosa. Ich erinnerte mich dabei anunseren größten Dichter, der über diesen Weg schrieb:Es ist wirklichzum Närrischwerden, wenn man die Klarheit, die Mannigfaltigkeit, duftigeDurchsichtigkeit und himmlische Färbung der Landschaft, besonders derFernen ansieht."

Der blaue Himmel, die Sonne, die Eidechsen, die in der Sonne hin-und herschießen, die dunklen Zypressen, die sich gegen die Sonneabheben, haben sich seit Goethes Tagen nicht verändert. Ich besuchte,ohne Baedeker, ohne vorgefaßte noch vorgeschriebene Meinung, dierömischen Museen, Galerien und Kirchen und fand, daß mein Vorgänger