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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER KAISER UND EUROPA

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Reichstagsabgeordneten für Bremen , der, wenn ich nicht irre, Henke hieß.Fünf Jahre später machte ich im Uhlenhorster Fährhaus an der Ham-burger Außenalster bei einem dem Reichstag gegebenen Fest die Bekannt-schaft des Reichstagsabgeordneten Ebert und fand in ihm einen Mann vonnatürlichem Anstand und gesundem Verstand. Nach abermals fünf Jahrenbegegneten wir uns bei dem damaligen Reichskanzler Cuno auf dessenBesitz Aumühle bei Hamburg und hatten dort nach Tisch eine längereUnterredung über die Not des Vaterlandes. Wiederum und noch mehrals ein Quinquennium früher hatte ich den Eindruck, mit einem redlichenund tüchtigen Manne zu sprechen. Er hat mich nicht zur Sozialdemokratieund Republik bekehrt und dies auch sicherlich weder beabsichtigt nocherwartet. Ich halte nach wie vor die Vorbereitung der Revolution währenddes Krieges und die Revolution selbst für ein Verbrechen und für eineDummheit und glaube auch heute, daß sich die republikanische Staats-und Regierungsform für kein Volk weniger eignet als für uns. Aber nach-dem, beginnend mit Bethmann Hollweg, im Weltkrieg vier Reichskanzlernacheinander völlig versagt hatten, nachdem Wilhelm II. ins Ausland ge-flohen und das durch den Genius von Bismarck und die Weisheit des altenWilhelm I. geschaffene Deutsche Reich zusammengebrochen war, betrachteich es als ein Glück im Unglück, daß die Welle der Revolution auf denPräsidentenstuhl gerade diesen Mann trug. Er lieferte jedenfalls den Be-weis, daß in unserem, ach! so unpolitischen Deutschland der Arbeiter-stand starke politische Talente, aller Achtung würdige Charaktere undhervorragende Parteiführer zu stellen vermag.

Aber ich kehre aus der jammervollen Nachkriegszeit wieder in dasBremen des Jahres 1913 und zu meinem Freunde Emil Fitger zurück. Sehrmißfiel dem verständigen und nüchternen Manne der lärmende Empfang,den gerade in diesen Tagen Kaiser Wilhelm II. in Berlin seinem Schwager,dem König Konstantin von Griechenland, bereitete. Schon während ich inBremen weilte, hatte mir Fitger nicht die Sorgen verhehlt, die diese neuekaiserliche Improvisation ihm bereitete. Nachdem ich Bremen verlassenhatte, schrieb er mir:Der Empfang des Königs Konstantin von Griechen-land in Berlin hat in Frankreich und in Athen das unfreundliche Echo ge-funden, das er finden mußte; er wird das Gegenteil des beabsichtigtenZweckes erreichen. In Deutschland wagt nur dieKomische Zeitung" eineschüchterne offiziöse Rechtfertigung. Die meisten beurteilen dagegen dasIntermezzo scharf. Anscheinend beginnt eine neue Epoche der persönlichenEinmischung." Die Inkonsequenz und Inkohärenz Wilhelms II. hattenunter Bethmannscher Führung, oder vielmehr Nicht-Führung, Propor-tionen angenommen, die dahin führen mußten, daß der Deutsche Kaiser vonEuropa nicht mehr ernst genommen wurde. Demselben König Konstantin,