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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN RUSSISCHER AUSTROPHOBE

Leitung des Dreibundes in Wien liegt, wie dies heute augenscheinlich derFall ist, allein stehen." Einige in der Nähe umhergehende englische oderamerikanische Globetrotter sahen verwundert auf den heftig redenden undgestikulierenden Mann mit dem weißen Schnauzbart und dem energischenGesicht.

Ich will schon jetzt erwähnen, daß mir, nachdem Rumänien drei Jahrespäter von den Zentralmächten zu der Entente abgeschwenkt war, derdeutsche Gesandte in Bukarest , Herr von Waldthausen, ein verständigerund redlicher Mann, erzählte: Im Winter 1913/14 habe ihm König Carol inder bei ihm gewohnten höf liehen Form, aber ernst und bestimmt gesagt, ererhalte immer mehr den Eindruck, daß die Führung des Dreibundes nichtmehr wie früher in Berlin, sondern in Wien liege. Das würde ihm im Fallevon Komplikationen den Anschluß an die Zentralmächte sehr erschweren.Herr von Waldthausen hatte diese Äußerung des Königs von Rumänien pflichtgemäß nach Berlin gemeldet, aber eine gereizte Antwort erhalten:Die Führung des Dreibundes hege mehr denn je in deutschen Händen, undzwar in bewährten und ausgezeichneten deutschen Händen; das habe er,der Gesandte, dem König Carol hoffentlich sofort erwidert, andernfallsmöge er das Versäumte schleunig nachholen.

Vielleicht noch mehr als die Sorgen von Carp beeindruckte mich eineDer russische Mitteilung des russischen Botschafters in Rom , meines alten FreundesBotschafter Anatole Krupenski. Der war, als ich zwanzig Jahre früher als Bot-Krupenski scna ft; er j n Rom gewirkt hatte, Erster Sekretär der dortigen russischenBotschaft gewesen. Er war in der europäischen Diplomatie berühmt wegenseiner Riesennase, seiner lauten Stimme und seiner stürmischen Be-wegungen. Übrigens ein kreuzbraver Mann, ein echter Russe, durch unddurch ein Altrusse, aber wie die meisten seiner Gesinnungsgenossen zwarantiösterreichisch, jedoch nicht antideutsch, und ohne besondere Sym-pathie für denfaulen Westen". Dieser Austrophobe war verheiratet miteiner Österreicherin, einer übrigens hebenswürdigen und guten Frau, derTochter eines österreichischen Feldmarschafleutnants. Er hatte nicht ge-ruht, bis sie zur orthodoxen Kirche übergetreten war. Der Ubertritt hattesich nicht ohne Schwierigkeiten vollzogen. Bekanntlich müssen sichNeophyten, mögen sie Kathohken oder Protestanten sein, bei der Aufnahmein die orthodoxe Kirchengemeinschaft noch einmal taufen lassen. Ebensobekannt ist, daß bei der orthodoxen Taufe der Täufhng dreimal nackt imTaufbecken untergetaucht werden muß. Als einst diese Zeremonie bei dereben geborenen Großfürstin Marie Nikolajewna vollzogen wurde, fragte ihrstrenger Vater, der Kaiser Nikolaus L, seinen Günstling, den FürstenBariatinski, wie ihm die Taufe gefallen habe. Der Fürst erwiderte: ,,J'ai eteravi, surtout parceque j'ai eu le grand honneur de voir Son Altesse Imperiale,